"Burlesque"

Der Film zum Soundtrack

Vielleicht ist es ja irgendwann einfach langweilig, wenn man schon alle Grammys und MTV-Awards abgeräumt hat. Vielleicht braucht es dann neue Herausforderungen. Nur so lässt sich erklären, warum Popstars ab einem gewissen Bekannt- und Beliebtheitsgrad immer wieder danach drängen, sich auch im Kino zu versuchen.

Obwohl es weiß Gott genug abschreckende Beispiele gibt. Beyoncé hält sich ganz wacker (wohl weil sie sich weise auf Nebenrollen beschränkt), aber wir denken mit Grausen an die Leinwandausflüge einer Madonna, Mariah Carey oder Britney Spears. Merke: Auch Sänger sollten tunlichst bei ihren Leisten bleiben.

Nun hat es - oops! - mit Christina Aguilera schon wieder eine getan. Und sie wird dabei, das ist nicht ohne Brisanz, mit einem zweiten Popstar konfrontiert, der zu den wenigen gehören, die tatsächlich auch auf diesem Feld reüssieren konnten: Cher. Die hat sogar, auch wenn das lange her ist, für "Mondsüchtig" einen Oscar und einen Golden Globe erhalten und war für "Silkwood" für beides nominiert. Ihr letzter Film ist indes auch schon sieben lange Jahre her. "Burlesque" ist also zugleich ein Debüt und ein Comeback und ein Gipfeltreffen zweier Popdiven. Allein deshalb muss man diesen Film sehen. Sonst nicht.

Handzahme statt frivole Bühnenacts

Wegen der Handlung jedenfalls nicht. Immerhin: Was für ein Entrée wird La Aguilera da beschert. Wir sehen sie anfangs in einem kleinen Café in einem öden Kaff in Iowa kellnern. Sehen, wie der Chef sie herumkommandiert, aber nicht bezahlt. Sehen, wie sie den Laden einfach dicht macht, dann auf den Tresen steigt und all ihre Wut heraussingt. Noch während des Songs (und des Vorspanns) packt sie die Koffer und zieht in die große große Stadt. Eine großartige Sequenz. Aber damit ist die Geschichte eigentlich schon erzählt.

Die Aguilera, beziehungsweise die Ali, die sie da spielt, kommt ohne Zahnspange nach L.A. Ohne Hornbrille. Und ohne die Haare altbacken zu tragen. Und trotzdem erkennt keiner, wie wir schon im Entrée, ihr Potenzial. Sie bewirbt sich von Bühne zu Bühne, sie will doch nur singen. Aber keiner lässt sie. Bis sie ihren letzten Geldschein in einer billigen Bar lässt, in der Burlesque-Shows gegeben werden. Da leuchten die Augen, da strahlt die Blondine. Aber auch hier darf sie erst mal nur dasselbe tun wie irgendwo in Iowa: kellnern. Die ewige Aschenputtelmär, garniert mit Musik. Verwandt mit Filmen wie "Coyote Ugly" (da ging es um den Tresentanz von Kellnerinnen) und "Striptease" (da ging es um den Tanz an der Stange). Einfaches Mädel kommt vom Lande in die Stadt, wohnt in ärmlichen Verhältnissen und träumt den amerikanischen Traum.

Burlesque ist dabei immerhin eine neue Note. Burlesque, dem Laien sei's gesagt, hat mit einer Burleske ungefähr so viel zu tun wie Cher mit Gesichtsfalten. Sie war eine Unterhaltungsform Anfang des vorigen Jahrhunderts, eine erotisch aufreizende Show mit Travestien und Stripeinlagen, die mit der Legitimierung des klassischen Striptease an Bedeutung verlor. Heute, da alles mal einen Retro-Trend erlebt, wurde auch die Burlesque in den USA als Neo-Burlesque wiederbelebt, Dita von Teese wurde damit berühmt.

Wer Burlesque im Titel trägt, der müsste also viel nacktes Fleisch zeigen. Und lüsterne Posen. Und frivole Dessous. Dass man Frau Aguilera für einen solchen Film besetzt, macht sogar tiefen Sinn. Hieß ihr drittes Album nicht "Stripped?" Zeigt nicht auch sie sich gern in anzüglichen Posen? Aber ach, dann gäbe es ja nur eine Altersfreigabe ab 16, womöglich gar ab 18. Also Einsatzbußen. Folglich werden die Tanzszenen kreuzbrav inszeniert, alles Anrüchige, auch nur im Ansatz Obszöne wird unterlassen oder durch rasante Schnitte weggeschnitten. Alles stubenrein also. Auch für Erstklässler unbedenklich.

Und der Film will ja auch woanders hin. So wie sich im Filmmusical "Moulin Rouge" das bekannte Pariser Etablissement in eine Musicalbühne verwandelte, so wird auch hier der kleine Schuppen von Tess (Cher), über dem der Pleitegeier droht, plötzlich zum Geheimtipp, als Ali/Aguilera nicht nur endlich auf der Bühne tanzen darf, sondern eine fiese Konkurrentin ihr auch noch das bühnen-übliche Band abwürgt. Da röhrt Ali einfach selber los. Wie im Vorspann. Und oops, der Laden brummt. Und aus den Playback-Tänzen werden echte Musiknummern.

Den Film von Regie-Neuling Steven Antin vorhersehbar zu nennen, wäre eine satte Untertreibung. Wer nicht wirklich noch Erstklässler ist und hier seine erste Kinoerfahrung macht, der hat das alles schon tausend Mal gesehen. Der weiß nicht nur, was in der übernächsten Szene passiert, sondern kann manche Dialogzeilen schon reflexartig mitsprechen. Das einzige, was sich wirklich und immer aufs Neue entblößt in dieser Film-Burlesque, ist der Drehbuchautor (ebenfalls Antin).

Kein einziges Duett der Pop-Diven

Vergessen wir das alles. Vergessen wir so gestandene Mimen wie Stanley Tucci oder Peter Gallagher, die sich in Nebenrollen verschenken. Vergessen wir überhaupt die Spielszenen. Eigentlich wartet man nur immer auf die nächste Musikeinlage. Immer wieder darf Aguilera ihr nach wie vor unglaubliches Organ schmettern. Auch Cher hat immerhin zwei Einlagen. Und wenn die Choreographien auch für eine Burlesque zu handzahm sind: Als Videoclips funktionieren sie prächtig.

Nebenbei verrät der Film auch so manches über seine beiden Stars. Woher sie kamen, wovon sie träumten. Und die wohl rührendste Szene ist die, wenn Cher für Aguilera zur Mutti wird und ihr Tipps gibt, wie man sich schminkt. Da wird der Film für Sekunden wirklich doppelbödig. In einer Fortsetzung müsste sie ihr unbedingt erklären, wo man die Botox-Spritze ansetzt. Doch unterm (Lid-) Strich bleibt die Bilanz dürftig: Stanley Tucci spielt exakt seine Rolle aus "Der Teufel trägt Prada". Cher spielt exakt die Rolle, die sie seit 30 Jahren spielt, wobei ihre Mimik hinter all der plastischen Chirurgie kaum noch zu erahnen ist. Und Christina Aguilera spielt gar nicht. Sie sollte sich das mit der angepeilten Filmkarriere doch noch einmal reiflich überlegen. "Burlesque" ist letztlich nur der Film zum Soundtrack. Selbst der aber bringt uns um einen Höhepunkt, den man bis zuletzt vergeblich erhofft: Es gibt kein einziges Duett zwischen Christina Aguilera und Cher. Das hat der Stutenbiss wohl doch nicht erlaubt.