Interview mit Christopher von Deylen

"Gute Musik wird nicht in Gigabyte berechnet"

Christopher von Deylen ist Schiller. Der Berliner Elektronikmusik-Guru hat sich auf opulente CD-und DVD-Boxen spezialisiert, die den Rahmen herkömmlicher Alben-Formate sprengen. Soeben ist sein neuester Coup "Lichtblick" mit Studio- und Live-Material erschienen.

Am kommenden Dienstag beginnt die diesjährige Tournee von Schiller, eine reine Instrumentaltour. Sie startet gewissermaßen fast vor der Haustür, nämlich im Potsdamer Nikolaisaal. Einen Tag später, am 12. Januar, folgt dann das Heimspiel: der Auftritt im Berliner Admiralspalast. Olaf Neumann sprach mit dem Berliner Elektromusiker.

Berliner Morgenpost: Die so genannte "Lichtblick"-Ultra Deluxe Edition enthält neben einer Studio-CD und zwei Live-DVDs eine handsignierte Leinwand sowie eine zusätzliche Live-Doppel-CD. Es ist in diesem Jahr bereits die zweite Schiller-Box dieser Art. Wie finden Sie die Zeit für solche Gesamtprojekte?

Christopher von Deylen: Ich habe lange überlegt, ob ich so was noch mal machen soll. In dieser flüchtigen Zeit fällt es dem Publikum immer schwerer, das zu schätzen, was sich eine Heerschar von Kreativen abringt. Aber 2010 war offensichtlich ein sehr produktives Jahr für mich. Es ist unfassbar spannend, in so einer kurzen Zeitfolge so viele verschiedene Dinge zu machen. Musik ist für mich keine Arbeit, sie ist mein Leben. Irgendetwas treibt mich vor sich her. Das analysieren zu wollen, habe ich aufgegeben. Dieser Zyklus ist scheinbar endlos. Aber nach der Tour im Februar werde ich eine Zäsur setzen und mich zurückziehen, um in aller Ruhe Raum für Neues zu schaffen.

Berliner Morgenpost: Welchen Stellenwert hat diese Veröffentlichung für Sie?

Christopher von Deylen: Ich sehe "Lichtblick" als eigenständiges Werk. Die Kategorisierung "Album" ist nicht mehr zeitgemäß. Alles vermorpht sich, alles ist fließend. Das Wort "Werk" ist das einzige, was mir dazu einfällt, auch wenn es etwas anmaßend klingt.

Berliner Morgenpost: Heißt die Box "Lichtblick", weil Sie für Ihre Konzerte ein Lichtkonzept entwickelt haben, das im Einklang mit Sound und Bühnentechnik steht?

Christopher von Deylen: Das Licht war bei der letzten Tour sehr wichtig. Es hat mich zu neuer Musik inspiriert. Wie auch der verblüffende, albtraumhafte französische Film "Enter The Void", der sehr viel mit Licht arbeitet. Ich finde es ganz großartig, dass ich Musik machen kann, die meinem Herzen und meiner Seele entspringt. Dass sie darüber hinaus von Menschen gehört wird, ist ein echter Lichtblick. Der erlernbare Aspekt von Musik wird immer omnipräsenter. Das soll jetzt aber keine kulturpessimistische Debatte zum Thema Castingshows werden.

Berliner Morgenpost: Welche Aspekte des Musikmachens schätzen Sie?

Christopher von Deylen: Ich bin sehr gierig auf Musik, der man anhören kann, dass sie nicht gemacht ist, um einer Formal oder einem Format zu entsprechen. Mittlerweile ist eine schulterzuckende Attitüde vorhanden, was die Fähigkeiten des Musikmachens betrifft. Man glaubt, dass man sich für alles coachen lassen kann, dass alles simulierbar ist. Das wird Musik nicht gerecht. Es kann nicht nur darum gehen, einen möglichst hohen Koeffizienten zwischen den Gigabyte in der Hosentasche und der Anzahl der Titel, die da draufpassen, zu finden. Das ist mein neunmalkluges Statement. (lacht)

Berliner Morgenpost: Gleich im Anschluss an die letzte Tour haben Sie Ihre Gastsängerinnen Kate Havnevik, Anggun, Mia Bergström und Despina Vandi noch einmal ins Studio geholt. Ist die CD "Lichtblick" die Fortsetzung des "Atemlos"-Albums?

Christopher von Deylen: "Lichtblick" ist eine musikalische Reprise des epischen und Filmmusikhaften "Atemlos"-Albums, wobei die neuen Songs insgesamt kompakter und leichtfüßiger geraten sind. Möglicherweise das Bindeglied zum nächsten regulären Studioalbum. Es sind keine Reste aus der Schublade, sondern Songs, die nach der "Atemlos"-Tour entstanden sind. "Lichtblick" gibt es entweder in der Box oder digital. Für meine Vorstellungen ist es eine EP, weil nur 45 Minuten lang. (lacht)

Berliner Morgenpost: Die Box enthält zudem die Doppel-DVD "Atemlos Live" inklusive eines Geheimkonzertes aus dem Berliner Heimathafen. Zu dieser puristischen Elektronik-Show waren nur 100 Gäste eingeladen. Ein Ausblick auf die kommende Tour?

Christopher von Deylen: Ja, 2011 wird eine reine Instrumentaltour reduziert auf zwei Keyboards und zwei elektronische Schlagzeuge. Eines bedient Ralf Gustke von den Söhnen Mannheims. Der größtmögliche Parallelentwurf zum epischen, fast schon dreidimensionalen Musiktheater der letzen Konzertreise. Wir wollen eine andere Welt betreten, indem wir bekannte Schiller-Stücke auf die Elektronik reduzieren und dadurch einen neuen Klang bekommen. Vieles spielen wir erstmals live. Durch die Abwesenheit von akustischen Signalen, die auf die Bühne strahlen, kann ich den Sound besser kontrollieren und noch raumfüllender gestalten. Das Publikum wird bequem sitzen in einem schönen Ambiente und sich hoffentlich von der Musik, dem stimmungsvollen Licht und der Band selbst einnehmen lassen.

Berliner Morgenpost: Hat Licht einen Klang?

Christopher von Deylen: Ja. Allerdings kann man ihn nicht in Worte fassen, weswegen ich mich der Musik bedienen muss. Ich habe das Gefühl, dass ich meiner Vision von Schiller so nahe gekommen bin wie nie zuvor. Licht bedeutet für mich nicht nur, auf der Bühne einen Musiker zu erhellen. Ich will damit einen richtigen Film erzeugen bzw. eine Lichtsinfonie schreiben. Jeder Ton soll visualisiert werden wie in dem Disney-Film "Fantasia". Auf der neuen DVD gibt es dreidimensional wirkende Stellen, wo mir selbst der Atem stockt.

Berliner Morgenpost: Elektronik-Pionier Jean Michel Jarre, der nächstes Jahr wieder nach Deutschland kommt, badet bei seinen Konzerten in Laserlicht und Effekten. Machen Sie etwas Vergleichbares?

Christopher von Deylen: Jean Michel-Jarre hat die Messlatte beim Laserlicht zweifellos höher gelegt. Ich persönlich empfinde Laserlicht als sehr laut. Es lässt kaum Zwischentöne zu. Mit Laser verbinde ich Discothekenmusik. Wenn man damit arbeiten wollte, müsste man es erst von seinen Klischees befreien. Unser Lichtkonzept will sich nicht an etwas orientieren, das schon dagewesen ist. Ich ignoriere die Möglichkeiten der modernen Lampen und möchte Licht und Klang miteinander verweben. Es gibt Stücke von Schiller, bei denen zwei Minuten lang sehr wenig passiert. Bis auf einmal doch noch eine Melodie oder ein Rhythmus kommt. Diese akustische Dramaturgie hat ihren Sinn. Da darf man nicht gegen anleuchten. Auf der "Lichtblick"-DVD habe ich zum ersten Mal einen Audiokommentar gemacht, zweieinhalb Stunden lang das Konzert kommentiert und zu jedem Lied eine kleine Geschichte erzählt.