Ballett

Wenn die Spitzenschuhe nur noch Erinnerung sind

"Natürlich bin ich traurig", sagt Corinne Verdeil. Die Französin, Typ süße Prinzessin, ist seit zehn Jahren Solotänzerin beim Staatsballett Berlin. Das Ende dieser Saison ist zugleich ihr Karriere-Ende als Ballerina, ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Normalerweise reden Spitzentänzer nicht darüber. "Es ist ein Tabuthema", sagt die stellvertretende Ballettintendantin Christiane Theobald: "Das ist auch der Grund, weshalb wir keine verlässlichen Statistiken über die Wechsel haben." Insgesamt gibt es in Deutschland rund 1400 Profitänzer, die zur Hälfte in klassischen und zur Hälfte in modernen Compagnien beschäftigt sind. Als alte Faustregel gilt: Die aktive Tänzerlaufbahn endet um die 40. Im Ballett-Mutterland Russland geschieht es sogar noch etwas früher. Offenbar zehrt die rein klassische Schule mehr am Tänzerkörper als die moderne. "Jenseits der 30 ist man weniger verrückt, lässt weniger Exzesse zu", sagt Alessandra Pasquali: "Man betreibt mehr Vorbeugung und wärmt sich mehr auf." Auch die Italienerin, seit fünf Jahren Demi-Solotänzerin in Berlin, nähert sich dem Karriere-Ende. "Wenn Stück für Stück die Rollen an Jüngere weitergegeben werden", sagt sie, "das tut schon weh."

"Ein Tänzer sollte ab 35 schon wissen, was er danach machen möchte", sagt Direktorin Theobald. Aber genau da beginnen die Probleme. Trotz achtjähriger Ausbildung ist es in Deutschland kein anerkannter Beruf, auf dem Arbeitsamt gelten Tänzer als ungelernt. Viele schulen um in die Physiotherapie, einer landete in einer Steuerberatungsfirma, ein anderer in einer Bank. "Tänzer verfügen über ein ungeheures Potenzial", sagt Theobald: "Sie sind teamfähig, belastbar, kreativ, musikalisch. Und sie haben von klein auf gelernt, dass die Konkurrenz neben ihnen steht."

Die Balletttradition reicht in Berlin zurück bis in die Zeiten des großen Friedrich. Lange Jahre galt die ungeschriebene Regel, wonach ein Wechsel in andere Gewerke - wie Kostümabteilung oder Kartenbüro - an den Opernhäusern möglich war. In den neuen Rechtsstrukturen, in Berlin ist es derzeit eine Opernstiftung, hat der Arbeitgeber keinerlei Verpflichtung mehr für die Zeit danach. Im Gegenteil: Da Künstler nach fünfzehn Jahren in einem Haus bzw. Ensemble unkündbar sind, versuchen die Arbeitgeber das mit kürzeren Verträgen zu umgehen. Der Tänzer von heute verbringt seine Karriere auf Wanderschaft. Das Staatsballett Berlin verpflichtet eigentlich nur noch blutjungen Nachwuchs in seine Reihen. Und um einige Zahlen zu nennen: Ein Gruppentänzer an den gehobenen A-Häusern verdient rund 2700 Euro brutto. Solisten können individuell von 3000 bis gut 7000 Euro verhandeln. Aber die Toptänzer - wie beim Staatsballett der Russe Vladimir Malakhov - kann man in Deutschland an einer Hand abzählen.

"Ich musste immer kämpfen", sagt Corinne Verdeil: "Aber das Leben war niemals langweilig." Und auch Alessandra Pasquali spricht davon, dass "die professionelle Karriere alle Energien aufsaugt", aber sie kein Jahr missen möchte. Beide schwärmen von den Rollen und Reisen, erzählen zugleich von gnadenloser Ausbildung und Verletzungen. Solotänzerin Verdeil weiß, dass sie als Kind nicht die richtige Schule besucht, nach einer alten Methode gelernt hat. Und es verwundert kaum, dass sie jetzt in die Lehre wechseln möchte. "Das war mir schon immer klar", sagt sie - "und am liebsten möchte ich mit Kindern arbeiten". Im Sommer besucht sie einen 200-Stunden-Kurs in Paris. Mit dem Diplom will sie nach Berlin zurückkehren.

Direktorin Theobald begrüßt solches Engagement. Für sie muss "der Tanz mehr in die Fläche gebracht werden." Sprich: in die Städte. Sie steht für mehr Education-Programme, für den spielerischen Umgang mit Migration. Alle Spitzentänzer sprechen mehrere Sprachen, sind in multikulturellen Compagnien aufgewachsen. Es ist ihre Weltsicht.

Die Italienerin Pasquali, die ihre pädagogische Ausbildung nebenbei absolvierte, hat schon eine andere bemerkenswerte Karriere begonnen. Sie hat für Adidas ein Ballett-Workout entwickelt und ist bereits als Botschafterin zwischen Taipeh und Montevideo unterwegs, um in Drei-Tage-Kongressen die Trainer für die 850 Studios weltweit auszubilden. Ihr Ballett-Workout wird neben Yoga, Dance, Martial Arts angeboten und soll vor allem jungen Mädchen graziöse Bewegungen und ein bisschen Stilsicherheit vermitteln. Möglicherweise eine modische Marktlücke. Sie hat einen Zweijahresvertrag für zwei Workouts mit Option auf Verlängerung. Aber es zieht die Italienerin nicht nur hinaus in die große Fitnesswelt, sondern auch heim in die Compagnie. Dann als Assistentin für Choreographen.

Am liebsten würden alle Tänzer ihre Karriere im geschützten, vertrauten, auch behüteten Umfeld der Compagnie weiter führen - als Ballettmeister oder Choreologin. "Aber so viele Stellen gibt es gar nicht", schränkt Christiane Theobald ein. Nur wenigen Begnadeten, wie es sich bei der charismatischen Nadja Saidakova abzeichnet, gelingt der Wechsel zur Choreographie. Seit fünfzehn Jahren ist sie, die in Moskauer Zeiten eine Tänzerwohnung mit Malakhov teilte, Erste Solotänzerin in Berlin. Ihr erstes wichtiges Stück "Egopoint" stand lange im Programm. Die Russin hat klare Vorstellungen.

Demgegenüber tun sich Männer schwerer mit ihrem Wechsel. "Ja, Frauen denken früher darüber nach", bestätigt Demi-Solotänzer Martin Szymanski, Jahrgang 1974, ein Palucca-Schüler. Seine eigene Frau ist bereits Ballettmeisterin geworden. Er selber hatte bereits einige Ideen, habe sie aber wieder verworfen. Noch sei ja Zeit, sagt er lächelnd. Typisch Mann - man rede etwa darüber, eine Kneipe aufzumachen. Er weiß, dass es Unfug ist. Aber eigentlich würden "Männer untereinander überhaupt nicht darüber reden." Es bleibt ein Tabuthema.

"Tänzer haben von klein auf gelernt, dass die Konkurrenz neben ihnen steht"

Christiane Theobald, Staatsballett Berlin