Deutsches Theater

Hinter jeder Stehlampe lauert die Panik

Eigentlich will er ja eine glückliche Geschichte erzählen, der Mann im unauffälligen Straßenanzug. Doch er schafft es nicht mal bis an die Rampe: Seine Füße scheinen ein Eigenleben zu führen, während sein Oberkörper Mühe hat, da mitzuhalten.

Staunend mustert er die Decke und seine Schuhe, murmelt "Aha!", "Das klärt sich sicher". Und während er immer wieder ansetzt mit den Geschichten vom Glück, zerbröseln ihm die Worte im Mund zu Albträumen und billigen Kalauern.

Einen ziemlich armseligen Typen hat Ingrid Lausund in ihrem Ein-Mann-Stück "Der Weg zum Glück" entworfen, einen Glückssucher, der beflissentlich Neurosen züchtet und also für den Spott nicht zu sorgen braucht. Das Ergebnis balanciert sicher zwischen bittersüßer Tragik und hochnotpeinlicher Komik und wurde in der Regie der Autorin ein Bestseller: Die Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus 2004 tourte durch die halbe Republik und ist nun in den Kammerspielen des Deutschen Theaters angekommen.

Damit folgt "Der Weg zum Glück" etwas verzögert seinem Darsteller Bernd Moss. Der hat in Berlin seit seinem Dienstantritt 2009 längst bewiesen, dass er ein begnadeter Komödiant ist.

Eineinhalb Stunden lang gleitet Moss als Eisläufer ohne Kufen durch den vom schwarzen Rundhorizont begrenzten, sonst leeren Bühnenraum, dreht fremdgesteuert seine Pirouetten und bricht in ein gellend aufschreiendes Lachen aus, wenn er wieder mal einen blöden Ärzte-Witz abgesondert hat statt einer Glücks-Anekdote. Noch fataler aber wird's, wenn er ins Erzählen kommt: Dann bröckelt seine pseudooptimistische Fassade aus der Ratgeberecke ("Glück ist ein Muskel und ich trainiere ihn täglich"), und Moss' Figur entpuppt sich als selbstmitleidiges Würstchen, dass den anderen wegen seiner eigenen Armseligkeit die Pest an den Hals wünscht. Natürlich ist es wahnsinnig komisch, wenn er beim Versuch, das freudlose Gartenfest von Annette zu überstehen und die anderen blöd dastehen zu lassen, selbst alle Fettnäpfchen mitnimmt.

Dann wieder rührt seine brutale Selbstbestandsaufnahme, die Einblicke in einen unerträglich spießigen Alltag gibt und diese Figur als tragikomischen Gegenentwurf zu Franz Xaver Kroetz' "Wunschkonzert"-Frau erscheinen lassen. Nur, dass die Abwesenheit von Glück, Liebe, Sinn hier aberwitzige Räder schlägt: Beim Versuch, die eigenen Zwangsstörungen zu sortieren, der hinter jeder Stehlampe lauernden Panik zu entfliehen und zwischen den verschiedenen Stimmen seiner bipolaren Störung zumindest einen Ausgleich herzustellen, funkeln Wahn und Wahnsinn so fröhlich, dass das Zwerchfell schmerzt.

Dabei verliert die Figur bei Bernd Moss nie an tragischer Fallhöhe, ergeben sich Momente stiller Verzweiflung, die umso schmerzlicher erscheinen, weil sich die Bekenntnisse einer zutiefst verletzten Seele wirkungsvoll zwischen die Pointen schmuggeln. Wenn sich gegen Ende das Experiment, ein anderer Mensch sein zu wollen, ein kraftvollerer, umgänglicherer, angstfreierer, lächerlich schief geht, dann ist das nicht nur ein furioses Finale für Moss, sondern zur Jahreswende auch ein Hinweis darauf, dass der "Weg zum Glück" keine Frage von guten Vorsätzen ist. Schon eher eine von großer Schauspielkunst, weshalb fürs Publikum in diesem Fall der Weg das Ziel ist. Zum Glück.

Deutsches Theater/Kammerspiele , Schumannstraße 13a, Mitte. Tel. 284 41 225. Termine: 29. Januar; 19. und 26. Februar.

Der Weg zum Glück ++++-