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Als man Autismus noch mit Exorzismus behandeln wollte

Es ist wieder Christine-Neubauer-Zeit im Ersten - doch diesmal erreicht das Emotionsthermometer nur selten die übliche Wohlfühltemperatur der Neubauerschen Fernsehschnulzen. "Der kalte Himmel" ist ein seriöser zweiteiliger Fernsehfilm, der von dem Schicksal eines sechsjährigen autistischen Kindes in der bayerischen Provinz Hallertau handelt.

Felix Moosbacher gilt im Dorf als spinnerter Sonderling - im Jahr 1967 wird ein solches Kind als Schrat verlacht oder herumgestoßen. Der geistesschlichte Hopfenbauer Paul (Marcus Mittermeier) setzt seinen verspulten Sohn allenfalls zum Zählen ein, bei der Einschulung scheitert Felix, weil er unter Anspannung zu Jähzorn und Schreianfällen neigt. Die Oma engagiert bereits den Dorfpfarrer, der dem Jungen den Teufel austreiben soll.

Nur Mutter Marie erkennt die besonderen Talente ihres Buben: "Mei Sohn is koa Depp!" ruft sie ein ums andere Mal, welche Autorität sich ihr auch in den Weg stellt. Nachdem Felix' Eigenarten von Münchner Ärzten als "frühpubertäre Schizophrenie" diagnostiziert werden und der Junge im Hörsaal als Versuchsobjekt herhalten muss, nimmt die verzweifelte Marie den Reisebus nach Berlin, wo sie den angehenden Kinderpsychologen Niklas Cromer (Tim Bergmann) im Krankenhaus aufsucht. Der skrupulöse Mediziner übernimmt die Therapie des Jungen, doch die Behandlung wird nicht von der Krankenkasse getragen. Also schuftet die aufrechte Bayerin zunächst in einer Kneipe, dann in einem Nachtlokal, säftelnd beäugt vom Betreiber des Etablissements. Derweil geht der Hopfenhof ihres Mannes zugrunde. Und Marie zieht mit Felix in eine Wohngemeinschaft von Hasch-Rebellen ein: Hier, wo alle ein wenig entrückt sind, fühlt sich auch Felix wohl. Niklas entdeckt allmählich die Sonderbegabung des Jungen, der Zahlen und Musik kombinieren kann. Allein, seine Welt ist eine abstrakte, das Gefühlige ist ausgeschlossen, am Firmament stehen nur Zahlen: der kalte Himmel.

Einen "Zahlenvogel" nennt Felix sich selbst, und der österreichische Regisseur Johannes Fabrick hat ein magisches Bild dafür gefunden: wie der Bub mit wehenden Handschuhen an den ausgebreiteten Armen über die verschneiten Hopfenfelder läuft. In entsättigten Farben zeigt uns Fabrick das Deutschland des Jahres 1967 nach dem Drehbuch von Andrea Stoll - und beschwört damit abermals all die Fernsehbilder von Schah-Besuch und Studenten-Revolte, die in den letzten Jahren so oft inszeniert wurden.

An Dustin Hoffmans "Rain Man" rührte uns, dass der Außenseiter schließlich doch einen Weg zu den Menschen fand und seinen gierigen Bruder Tom Cruise dabei auch noch zu einem besseren Mann werden ließ. Der Autismus-Film von Barry Levinson war auch eine Reise durch Amerika, ein Lehrstück über Freundschaft - und er zeigte uns nebenbei durch die seltsamen Ansichten auf den Fotos, die Hoffman unterwegs machte, die Ausschnitte einer anderen Wahrnehmung. "Der kalte Himmel" hat keine Verzauberung, keinen Moment, in dem das Wunderliche ins Wundersame umschlagen würde: Der Realismus ist stets beglaubigt durch den Ernst und die Didaktik des gut gemeinten Fernsehspiels. Christine Neubauer ist schon die beste aller Frauen, Tim Bergmann der verständnisvollste aller Jungmediziner, Großmutter lässt reumütig vom Exorzismus ab, und selbst der bankrotte Hopfenbauer müht sich nach Kräften, kein Stiesel zu sein. Das Pflaster des Jahres 1967 war vermutlich kälter als dieser verhangene Himmel, hinter dem der Kitsch heimleuchtet.

Der kalte Himmel ARD, Heute und morgen, je 20.15 Uhr