Ernährung

Fleisch oder nicht Fleisch

Weihnachten gab es bei Karen Duve vegane Ente. Die sei der unveganen Ente "erstaunlich ähnlich", erzählt sie. Duve hatte sich 2010 einem Selbstversuch unterzogen: Erst hat sie sich zwei Monate nur von Bio-Lebensmittel ernährt, dann war sie Vegetarierin und Veganerin, am Ende Frutarierin. "Anständig essen" ist ihr Bericht über ihre neuen Essgewohnheiten.

Das Buch, das jetzt auf den Markt kam, widmet sich einer der derzeit meistdiskutiersten Fragen: Wie sollen wir uns ernähren? Sowohl Thilo Bodes "Essensfälscher" wie Jonathan Safran Foers "Tiere essen" fanden großes Interesse und Duves Sachbuch ist in der Mischung aus Sarkasmus und Selbstanklage das am besten geschriebene Buch über das gesunde Essen. Mit Karen Duve sprach Matthias Wulff.

Berliner Morgenpost: Frau Duve, wie viel Kilo haben Sie 2010 abgenommen?

Karen Duve: Das ging so hin und her. Ich habe in der Zeit, als ich mich Bio ernährt habe, zugenommen und dann, als ich mich vegetarisch und später frutarisch ernährt habe, abgenommen.

Berliner Morgenpost: Das heißt in Zahlen?

Karen Duve: 14 Kilo habe ich während dieses Selbstversuches abgenommen. Davon allein 10 Kilo in meiner Frutarierphase.

Berliner Morgenpost: Sie behaupten aber, Ihre neuen Essgewohnheiten hätte nichts mit der nächsten Bikinisaison zu tun gehabt.

Karen Duve: Das ist auch so. Wie bei uns Tiere behandelt werden, ist empörend und grausam. Der Unterschied zwischen dem, was ich über die Herstellung unserer Nahrungsmittel wusste, und dem, wie ich mich ernährte, klaffte immer weiter auseinander. Es wurde Zeit, dass ich etwas unternahm.

Berliner Morgenpost: Aber das Leben ist mühseliger geworden.

Karen Duve: Naja, ich bin Vegetarierin und Halb-Veganerin, gelegentlich esse ich ein Stück Käse.

Berliner Morgenpost: Vermissen Sie nicht Fleisch oder Fisch?

Karen Duve: Doch, schon. Kurz nachdem ich mit dem Buch fertig war, habe ich einmal Fisch gegessen, und er hat auch gut geschmeckt, wie ich das erwartet hatte. Aber hinterher habe ich mir gedacht: Das war es einfach nicht wert. Seitdem esse ich keinen mehr.

Berliner Morgenpost: Ist es nicht vermessen zu glauben, dass wir durch die Änderung unseres Essverhaltens bessere Menschen werden?

Karen Duve: Es geht mir nicht darum, besser zu sein. Ich will bloß nicht, dass Hühner, Schweine und Kühe wie Ölsardinen zusammengestopft und im Sekundentakt geschlachtet werden.

Berliner Morgenpost: Hat Sie die Arbeit an dem Buch verändert?

Karen Duve: Ja. Das ging nicht spurlos an mir vorbei. Ich dachte, ich mache so einen lustigen Selbstversuch und berichte dann darüber. Und jetzt kann ich nicht mehr zurück. Ich bin echt anders geworden. Als mir das erstmals klar wurde, habe ich gedacht: Verdammt, was tust du da eigentlich?

Berliner Morgenpost: Ich finde es schwierig, pro-vegetarisch zu argumentieren. Man bekommt automatisch so einen Empörungsjargon, man klingt moralinsauer und unangenehm.

Karen Duve: Ich kenne das auch, die Stimme bekommt so einen keifenden Klang. Da gibt man ein unglückliches Bild ab.

Berliner Morgenpost: Darf man Tiere töten?

Karen Duve: Wer soll das entscheiden? Ich kann das nicht. Ich bin hier nicht die oberste moralische Instanz. Ich habe für mich entschieden, dass es für mich nicht in Ordnung ist.

Berliner Morgenpost: Sie haben, laut Ihrem Buch, Ihren Kater darin gehindert, eine Maus zu fressen.

Karen Duve: Er hat sie gefoltert.

Berliner Morgenpost: Ein wenig mit ihr gespielt.

Karen Duve: Ich schaue doch nicht zu, wenn jemand vor meinen Augen gefoltert wird.

Berliner Morgenpost: Katzen fressen nun mal gern Mäuse...

Karen Duve: Nur weil es Natur ist, ist es nicht automatisch gut. Wenn ich morgen Krebs bekomme, ist das auch Natur.

Berliner Morgenpost: Der Vergleich ist schief.

Karen Duve: Und wenn Hunde ein Rehkitz fressen wollen - eingreifen oder nicht?

Berliner Morgenpost: Tja, also...

Karen Duve: Eingreifen oder nicht?

Berliner Morgenpost: Essen Hunde nicht eher Frolic als Rehe?

Karen Duve: Doch, doch. Ab einer bestimmten Größe essen sie schon Rehe. Es geht doch um die Frage, empfindet man Mitleid oder nicht.

Berliner Morgenpost: Natur ist etwas für Leute, die auf Blutbäder stehen, schreiben Sie.

Karen Duve: Genau. Daher greife ich auch ein. Ich stehe nicht auf Blutbäder.

Berliner Morgenpost: Wird Bio-Fleisch überschätzt?

Karen Duve: Bio ist besser, aber nicht gut genug. Ich finde es unlogisch, sich hinzustellen und zu sagen: ich will nicht, dass Tiere gequält werden, aber Töten ist ok. Außerdem hat die Massentierhaltung teilweise auch schon in der Bio-Branche Einzug gehalten. Und das funktioniert bei Hühnern einfach nicht. Auch Bio-Hühner, die zu Tausenden gehalten werden, reißen sich gegenseitig die Federn aus. Das Huhn ist nun mal kein Massentier.

Berliner Morgenpost: Ist Bio nur ein Wohlfühllabel?

Karen Duve: Die Wahrscheinlichkeit, dass Tiere halbwegs anständig gehalten werden, ist bei Bio-Fleisch höher, aber nicht garantiert. Das hängt von dem jeweiligen Bauern ab. Es gibt auch Bauern, die das Geld für die Bio-Zertifizierung nicht ausgeben wollen und trotzdem die Tiere halbwegs artgerecht in kleinen Gruppen halten. Das sind aber Ausnahmen. Wer auf Nummer sicher gehen will, dass kein Tier gequält worden ist, sollte gar kein Fleisch essen.

Berliner Morgenpost: Ist der Vegetarismus eine trendige Sache oder ein Trend?

Karen Duve: Da muss ich jetzt aufpassen, dass ich das, was ich mir wünsche, nicht mit dem verwechsele, was wahrscheinlich ist. Ich wünsche mir natürlich, dass es immer mehr Vegetarier gibt. Was für den Trend spricht: Der Vegetarismus bedient nicht nur einen ethischen Anspruch. Er bedient auch den Wunsch, gesünder zu leben.

Berliner Morgenpost: Und es passt natürlich gut in das narzisstische Zeitalter, in dem viele Menschen mit Fitness, Anti-Aging, Wellness usw. ohnehin nur um sich selbst kreisen.

Karen Duve: Ich glaube nicht, dass der Vegetarismus mit Narzissmus zu erklären ist. Vegetariern geht es darum, nicht andere für sich leiden und sterben zu lassen, damit es zehn Minuten schmeckt.

Berliner Morgenpost: Ich sehe doch jeden Tag die Gutmenschen, wie sie mit gestärktem Selbstbewusstsein ihren LPG-Markt verlassen. Ein Paradebeispiel für demonstrativen Konsum.

Karen Duve: Aber sie können doch auch stolz auf sich sein. Sie finden die doof?

Berliner Morgenpost: Komplett. Ich kann sie so wenig ausstehen wie Porschefahrer, die mit ihrem Auto zeigen wollen, wie toll sie sind. Sobald sich Menschen über ihren Konsum beweisen, wird es armselig.

Karen Duve: Was ist denn so cool daran, ignorant einzukaufen?

Berliner Morgenpost: Man sollte einfach einkaufen, ohne sich über den anderen zu erheben.

Karen Duve: Aber das machen Vegetarier doch gar nicht. Die versuchen bloß zu verhindern, dass noch mehr Tiere gequält werden. Das gibt ihnen kein Überlegenheitsgefühl.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben: "An dem Tag, als ich beschloss, ein besserer Mensch zu werden..."

Karen Duve: Mein Gott, das war Ironie.

Berliner Morgenpost: Sie glauben doch wirklich, ein besserer Mensch geworden zu sein.

Karen Duve: Ja, aber doch nicht im Vergleich zu anderen. Ich meine damit, dass ich jetzt weniger Schaden anrichte als früher.

Berliner Morgenpost: Sind Sie ein moralischer Mensch geworden?

Karen Duve: Es fällt mir schwer, nichts zu sagen, wenn ich Freunde von mir Fleisch essen sehe. Ich vermeide es aber, dann eine Diskussion übers Essen anzufangen. Das einzige, was davon in den Köpfen hängen bleibt, ist: Die Duve hat uns das Essen versaut.