Konzertkritik

Bei Pianist Fazil Say klingt Bach wie von Kinski rezitiert

Der 40-jährige Fazil Say hat sich als "Pianist in Residence" das Konzerthaus geradezu unter die ekstatischen Finger gerissen. Dreizehnmal in einer einzigen Saison ist der Sohn von Ahmet Say, einem türkischer Musikwissenschaftler und Schriftsteller, zu Gast am Gendarmenmarkt. Das hat es bislang nicht gegeben.

Er ist Pianist und gleichzeitig, unüberhörbar, auch Komponist. Schon während der 750-Jahr-Feier Berlins führte er sein Werk "Black Hymns" auf, das er im Alter von nur 16 Jahren komponiert hatte. Fazil Say hat einen Hang zur Moderne, aber nicht etwa zur klassischen, sondern eher zur ranschmeißerisch unterhaltenden. Nicht die Komponisten entscheiden darüber, wie er ihre Stücke zu spielen hat, sondern allein der allgewandte, sympathische Fazil Say, der am Klavier, zuhöchst virtuos, seinen momentanen Eingebungen nachgibt. Der Mann aus Ankara steckt bis zum Hals voller Phantasie und versteht mit ihr, sein Publikum anhaltend zu überraschen.

Er liebt es, mit der linken Hand, wenn sie nicht gerade auf den Tasten beschäftigt ist, Geheimzeichen in die Luft zu senden. Kündigt sie Kommendes an? Oder unterstreicht sie lautlos das gerade Gespielte? So zimmert er, ebenso beiläufig wie geschäftig, eine Aura des Besonderen hoch, der man sich gerne ausliefert. Fazil Say lässt keine Gelegenheit dazu aus. Die besten bieten natürlich Mussorgskys beliebte "Bilder einer Ausstellung" in ihrer rasch wechselnden Suggestivkraft. Fragwürdiger wird der improvisatorisch wirkende Gestaltungsprozess Says, wenn er sich Bach oder Beethoven zuwendet. An den Kopf seines Programms hatte er überdies die berühmte Violin-Chaconne Bachs aus der Partita d-Moll gestellt, wie sie Busoni für Klavier bearbeitet hat. Abwechselnd donnerte und wisperte sie Say in die gehorsamen Tasten und lehrte die Hörer damit das große Staunen. Ohne auch nur das Klavier zu verlassen, hängte er der Chaconne Bachs umgehend Beethovens "Sturm"-Sonate an, auch sie dahintobend zwischen Leid und Hoffnung, Verdammnis und Erlösung, ein Spielball der Schmerzen. Gelegentlich musste man sogar fürchten, der Flügel würde unter den übersatten Ausdrucksattacken des ungestümen Pianisten zusammenbrechen.

An Virtuosität wie an Temperament, an Eigenwilligkeit wie an Durchsetzungskraft mangelt es Fazil Say nicht. Er weiß, was er will - und versteht es, trotz mancher Wehleidigkeit und offensichtlicher pianistischer Ranschmeißerei, seine Absichten glanzvoll durchzusetzen. Ein wenig erinnerte seine eigenwillige, ich-bezogene Vortragskunst an jene des unvergessenen Klaus Kinski, wenn der klassisch lyrische Verse, rezitatorisch ausflippend, in die Mikrofone stopfte.