Staatsoper

Mozart wartet nicht auf trödelnde Tiere

"Die Tiere kommen aus Charlottenburg", sagt Hans Hoffmann: "Aber das geht jetzt nicht mehr." Diese merkwürdige Äußerung des Technischen Direktors der Staatsoper über Mozarts "Zauberflöte" bedarf schon einer Erklärung.

Seit Oktober spielt die Staatsoper, deren altes Gebäude Unter den Linden bis 2013 grundsaniert wird, in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater. Stück für Stück wird das Repertoire der alten Lindenoper ins neue Theater umgepflanzt. Oder wie es Intendant Jürgen Flimm ausdrückt: "Wir wollen viel in die Auslage legen!"

Nun gibt es aber beim Anpassen der Inszenierungen ein großes Problem: Im alten Gebäude verfügte man links und rechts der Hauptbühne jeweils über eine Seitenbühne. Im Theateralltag wird die eine Abstellfläche die "Berliner Seite" und die andere, sich gen Westen neigende die "Charlottenburger Seite" genannt. Die interne Zuordnung erinnert beiläufig daran, dass Charlottenburg im Hofopern-Bewusstsein nie so richtig zu Berlin gehörte, schließlich erst 1920 eingemeindet wurde. Das Schiller-Theater ist erst 1905/06 erbaut, die Hofoper hingegen bereits 1742 eröffnet worden. Die Sprachregelung der beiden Bühnenseiten geht zurück in die Zeit von Friedrich II. und hat sogar DDR-Zeiten überstanden, als Charlottenburg jenseits der Mauer lag und das dortige städtische Opernhaus in den Status einer Deutschen Oper Berlin erhoben wurde.

Die rechte Seitenbühne fehlt

Nun sitzt das Staatsopern-Ensemble selber in Charlottenburg, und im Schiller-Theater ist ihnen die "Charlottenburger Seite" abhanden gekommen - rechterhand gibt es keine Seitenbühne, auf der sich etwas zwischenparken lässt, sondern gleich die Außenwand. Nun müssen alle Auf- und Abgänge, alle Bühnenteile und Requisiten von anderswo auf die Bühne kommen. Eben auch das Getier in der "Zauberflöte". "Die logistischen Anpassungen sind ein wahnsinniger Aufwand", sagt Hoffmann. Allein der Auftrittsweg von der "Berliner" zur "Charlottenburger" Seite über die Unterbühne braucht einige Sekunden länger. Aber Mozarts Musik wartet nicht auf trödelnde Tiere und Sänger.

"Die Zauberflöte" ist in einer internen Liste der Intendanz angesiedelt in der Rubrik "Übertragung mit hohem Aufwand". Insgesamt hat man vor dem Umzug alle Opern im Repertoire drei Kategorien zugeordnet: einfach umsetzbar, mit hohem Aufwand und zuletzt mit hohem Aufwand und hohen Kosten. Letzteres bedeute, so Hoffmann, dass die Anpassung "besonders unrentabel" sei. Die Rede ist dann von rund 50 000 Euro Unkosten. Die natürlich keiner gerne bezahlen möchte für ein Ausweichquartier, in dem obendrein rund 400 Plätze im Zuschauerraum weniger sind als im alten Haus Unter den Linden. Um Kosten zu sparen, sagt Intendant Flimm, habe man die Premieren "der letzten zwei Jahre gleich fürs Schiller-Theater mitgedacht".

Es ist ein unglaublicher Opernschatz, der im Berliner Repertoire schlummert. Die drei Opernhäuser und das Staatsballett zusammen genommen, handelt es sich um rund 130 Stücke. Rund 900 Vorstellungen gibt es pro Saison. Dabei schaffen es knapp 100 Stücke auf die Bühne, der Rest bleibt auf Abruf. Die Staatsoper listet für sich 52 Stücke (plus zehn Produktionen des Staatsballetts) im Repertoire auf. Flimm möchte am liebsten alle auf die Bühne des Schiller-Theaters holen. Überhaupt verbreitet er viel Optimismus, obwohl es im Opernalltag immer wieder zu ungeplanten Zwischenfällen kommt. Bei der "Zauberflöte" Anfang Dezember wurde beispielsweise der Tamino krank. Der Ersatztenor aus Köln konnte nicht pünktlich landen, also sprang zunächst ein Sänger ein, der allerdings um 20 Uhr wieder im Konzerthaus auftreten musste. Inzwischen war die Maschine aus Köln gelandet. Kürzlich hat ein elfjähriges Mädchen, das als Statistin in der "Zauberflöte" mitspielte, nach Dienstschluss ihrem Vater die Bühne gezeigt. Dabei ist er in den Orchestergraben gestürzt und hat sich tragischerweise schwer verletzt. In den Theatern passiert mehr als öffentlich wahrgenommen wird. In der maroden Staatsoper war die Lage so bedrohlich, dass der TÜV Teile der Bühnenmaschinerie stilllegte und die Intendanz vor Unfällen warnte.

Es gibt kein Verfallsdatum

August Everdings "Zauberflöte" erlebte im Dezember bereits die 200. Vorstellung. Überhaupt begann der Einstieg im Schiller-Theater mit Longsellern. Die erste Übernahme im Oktober, "Der Barbier von Sevilla", stammt aus dem Jahre 1968. Die Inszenierung hat Ruth Berghaus, die Regisseurin, deutlich überlebt. "Das ist ein Zeitdokument", sagt Hoffmann - es klingt ein wenig ehrfürchtig. Die streitlustige Berghaus war einst eine graue Eminenz der Staatsoper. Die Palucca-Schülerin, Jahrgang 1927, war zeitweilig Intendantin des Berliner Ensembles, Ehefrau des Komponisten Paul Dessau und kulturpolitisch höchst verwickelt. Kurz nach der Wiedervereinigung wurde sie an der Staatsoper "aus Altersgründen" verabschiedet, ihre letzte Premiere war 1991 Debussys "Pelleas et Melisande". Ihre "Freischütz"-Inszenierung lief bis 1995. Im Jahr darauf starb sie. Aber ihr "Barbier" läuft und läuft. "Der ist immer noch lustig und frisch", sagt Flimm. Der Intendant, selbst ein Regisseur, glaubt nicht an die Ewigkeit von Inszenierungen. Regie mag keine große Schöpfung sein, aber dennoch gibt es Urheberrechte zu beachten. "Die Aufführung gehört dem Theater", wiegelt Flimm ab. Somit stehe der Übernahme ins Schiller-Theater nichts im Wege, außerdem würde er vorher bei den Lebenden anrufen. Regisseur Michael Thalheimer hat seine "Entführung aus dem Serail" gleich selber angepasst.

"Prinzipiell gibt es kein Verfallsdatum für eine Inszenierung", sagt Flimm, "solange es dafür eine Fangemeinde gibt." Im Oktober war auch Carl Rihas "Tosca" von 1976 aufgenommen worden. "Etwas altmodisch, aber noch spannend". Darüber sind sich Flimm und Hoffmann einig.

Aber die ganze Beschwörung des Künstlerischen ist nur die halbe Wahrheit, der Zahn der Zeit nagt unbarmherzig am Repertoire - laut Hoffmann ist allein die Bühnenausstattung zu Berghaus' "Barbier" in den gut 40 Jahren bereits fünfmal erneuert worden. Manchmal ist der Geist willig, aber die Requisite schwach. Schließlich gibt Flimm zu, dass "bei der Ruth auch etwas Sentimentalität" im Spiel ist. Denn wenn keiner mehr hinginge, müsste es auch wieder neu inszeniert werden. Wobei das am Schiller-Theater reichlich geschieht, allein für ihre erste Charlottenburger Saison hat die Staatsoper 17 kleine bis große Premieren geplant.