Christina Aguilera

"Musik kann auch einsam machen"

Es war mitten im klirrekalten Dezember in Berlin. Die Sängerin und neuerdings auch Schauspielerin Christina Aguilera, gerade 30 Jahre geworden, kam an der Seite von Cher in die Stadt und fror tapfer, aber strahlend am roten Teppich, um ihren Film "Burlesque" vorzustellen, der am Donnerstag in die Kinos kommt.

Da spielt sie Ali, eine junge Dame vom Land, die sich in der großen weiten Stadt erst einleben muss, bevor ihre Stimme entdeckt wird. Parallelen zum Leben der Aguilera liegen auf der Hand. Peter Beddies hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost: Da, wo Sie sonst leben, ist es sicher nicht so kalt wie hier?

Christina Aguilera: Oh, ich freue mich jedes Mal wahnsinnig, wenn ich in eine Region komme, in der es so schön weiß aussieht wie derzeit in Berlin. Ich habe im Dezember Geburtstag. Und in diesem Monat dreht sich alles um Weihnachten. Ich würde schon sagen, dass ich ein ausgesprochener Schnee-Typ bin. Aber auch Berlin, das Kompliment muss ich einfach loswerden, sieht unter Schnee noch viel besser aus als sonst.

Berliner Morgenpost: Ihr Filmcharakter hat jede Menge Hürden zu überwinden, bevor sie den großen Erfolg hat. Können Sie sich noch an die Hürden in Ihrem Leben erinnern?

Christina Aguilera: Na ja, man überschätzt diese Hürden manchmal im Rückblick. Ich hatte schon eine sehr chaotische Kindheit, das ist ja allgemein bekannt. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich mich ständig unsicher gefühlt habe. Auf der anderen Seite war ich dadurch eben auch gezwungen, mir einen Ausweg zu suchen. Für mich war das die Musik. Andere müssen dazu gezwungen werden zu singen. Mir hat die Musik geholfen, die zu werden, die ich heute bin. Insofern ähneln sich die Geschichten von mir und meiner Rolle vielleicht ein wenig.

Berliner Morgenpost: Viele von uns kennen das Phänomen, dass sie anderen mit ihrem Gesang auf die Nerven gehen.

Christina Aguilera: Gut, dass Sie das sagen! Mir ist es exakt so gegangen als Jugendliche. Wo ich auch hinkam, in welche Schule auch immer, mir sind nur junge Menschen begegnet, die ein Ziel im Leben hatten: die sportliche Karriere. Wenn ich dann von meiner Musik erzählt habe, war ich automatisch entweder der Loser oder der Außenseiter. Musik kann auch einsam machen. Das habe ich damals gemerkt. Aber wenn man es lange genug macht und genügend Energie mitbringt, dann setzt man sich über die sportlichen Moserer einfach hinweg.

Berliner Morgenpost: Hilft das Erinnern an diese Momente, wenn heute irgendwann Kritik kommt?

Christina Aguilera: Auf jeden Fall. Zuerst überlege ich, ob die Kritik gerechtfertigt ist. Wenn ja, denke ich darüber nach. Wenn ich aber merke, dass sie aus der Richtung kommt, die ich von früher zur Genüge kenne, kann ich sehr schnell dichtmachen und dann juckt mich diese Kritik kein Stück mehr.

Berliner Morgenpost: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, vor der Kamera zur Burlesque-Tänzerin zu werden?

Christina Aguilera: Gar nicht. Meine Tanztechnik und die Choreografie haben sehr geholfen. Zum Burlesque-Tanz gehört ein bestimmter Stil, und ich nutzte meine Erfahrungen aus der Musik, um es mir vor der Kamera so gemütlich wie möglich zu machen. Aber natürlich bin ich keine akademisch ausgebildete Tänzerin, sondern eine Sängerin.

Berliner Morgenpost: Wenn man Radio hört, kommt man an Ihren kaum vorbei. Hören Sie Ihre Hits gern im Radio?

Christina Aguilera: Nein. Das macht mich ganz verlegen. Wenn ich nach einem Konzert mit den Musikern und Tänzern noch in ein Restaurant gehe, denkt man dort oft, es sei eine total coole Idee, meine Musik aufzulegen. Ich finde das eher peinlich.

Berliner Morgenpost: Wieso?

Christina Aguilera: Weil ich selbst meine härteste Kritikerin bin. Im Studio nehme ich stets eine Version nach der anderen von meinen Songs auf, und fange dann noch einmal von vorn an, denn dieser Versuch könnte ja noch besser gelingen. Und wenn ich mich dann im Radio höre, denke ich nur an die Fehler.

Berliner Morgenpost: "Burlesque" ist Ihr erster großer Kinofilm. Hat man Ihnen früher schon Filmrollen angeboten?

Christina Aguilera: Ja. Aber es war nie ein Thema dabei, das mich wirklich überzeugt hätte. Ich hatte mir geschworen: Wenn ich einmal einen Film drehe, dann soll es um einen Stoff gehen, der absolut nichts mit meiner Karriere als Sängerin zu tun hat.

Berliner Morgenpost: Das hat ja nun nicht direkt hingehauen.

Christina Aguilera: Stimmt. Aber die Idee von "Burlesque" hat mich einfach fasziniert. Der Regisseur Steve Antin hat es so ausgedrückt: Beim Einstieg in diese Welt der Nachtlokale bin ich wie Alice, wenn sie ins Wunderland kommt. Das ist eine einladende Welt, wie ich sie noch nie gesehen habe. Leider existiert der Club, in dem unsere Story spielt, in der Realität nicht. In den würde ich gern gehen.

Berliner Morgenpost: Einige Szenen in "Burlesque" sind angenehm sexy. Steckt dahinter eine Botschaft?

Christina Aguilera: Botschaft ist zwar immer ein Wort, das ich streng vermeide. Aber ich glaube, das kann vor allem für jene Frauen eine positive Wirkung haben, die nicht ganz im Einklang mit ihrer Sexualität leben. Hier sehen sie Frauen, die sich in ihrer Körperlichkeit sehr wohl fühlen und die das Leben als Burlesque-Tänzerinnen genießen - nicht nur, um Männern zu gefallen.

Berliner Morgenpost: Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen eigentlich, auf der Bühne oder vor der Kamera sexy zu wirken?

Christina Aguilera: Nun ja. Ich bin nun einmal eine sinnliche Frau, und das will ich auch ausstrahlen. Ich habe keine Lust, mich für meine erotische Ausstrahlung zu entschuldigen.

Berliner Morgenpost: Fühlen Sie sich noch sinnlicher, seitdem Sie Mutter geworden sind?

Christina Aguilera: Auf jeden Fall! Erst habe ich mein Kind auf die Welt gebracht, dann bin ich in die Burlesque-Szene eingetaucht: Das gab mir zwei Mal hintereinander die Gelegenheit, meinen Körper ganz neu kennenzulernen. Rund um die Geburt gibt es Momente, in denen dir der eigene Körper nicht mehr gehört. Deine Brüste gehören nicht mehr dir, sondern dem Kind. Doch seitdem ich meinen Sohn abgestillt habe und wieder zu meiner alten Figur zurückgefunden habe, fühle ich mich noch wohler in meinem Körper. Dank der Erfahrung von Schwangerschaft und Geburt.

Berliner Morgenpost: Wie schauen Ihre Zukunftspläne aus - Musikerin oder doch eher Schauspielerin?

Christina Aguilera: Ich weiß noch nicht so genau. Momentan fände ich es sehr gut, wenn ich hin und her springen könnte. Langfristig will ich aber auf jeden Fall, vielleicht so ähnlich wie Cher, eine Karriere beim Film.