Das TV-Duell der Silvesterkonzerte

Unsere Silvestertruppe kann sich nicht entscheiden. Berliner Philharmoniker oder Staatskapelle Dresden? Es gibt wirklich nicht genug klassische Musik im Fernsehen. Nur an diesem Nachmittag senden ARD und ZDF zeitgleich live zwei hochkarätige Silvesterkonzerte. Ein einmaliger Vorgang in der Fernsehgeschichte.

Doch wozu gibt es die Fernbedienung? Am Anfang ist es ganz einfach, die Berliner beginnen fünf Minuten früher. "Ich bin's nur, der Ansager", beginnt Dieter Moor. Mach hin, Mann, sonst schalten wir um. Mal sehen, nein, im Zweiten sind noch die Fernsehköche am Werk.

Die Traditionalisten unter uns wollen das Spitzenorchester aus Berlin, das seit 34 Jahren zum Jahreswechsel im Fernsehen kommt. Im letzten Jahr zogen sie vom ZDF in die ARD, damit begann der Schlamassel. Die Abenteuerlustigen unter uns wollen nun das Orchester der Semperoper erleben, das das Zweite als Silvesternovizen ins Rennen schickt. Das Erste setzt verhalten mit Berlioz' "Carnaval romain" ein. Gerade kommen die Philharmoniker in Fahrt, da rufen die Abenteurer: Aber nicht, dass wir die Netrebko verpassen!

Da ist dem Zweiten nämlich ein echter Coup gelungen. Die Dresdener wollten dasselbe Konzert ohne Fernsehen schon am Silvestervorabend geben, nur steckte Stargast Renée Fleming im Schneechaos fest. Als "Ersatz" erschien die amtierende Soprankönigin Anna Netrebko und brachte gleich noch ihren Verlobten mit, den Bariton Erwin Schrott. Mit tiefem Dekolleté singt die Netrebko "Heia, heia in den Bergen" aus der "Csárdásfürstin". Dann steht da breitbeinig Erwin Schrott und durchleidet mit der ganzen Wucht seiner Stimme ein Tangodrama. Irgendwie ruft niemand nach der Fernbedienung. Das ist nicht wie bei den Berlinern. Diesem Anfang wohnt kein verhaltener Zauber inne. Er stürzt sich sofort in den Silvesterabend.

Man würde es eher andersherum erwarten. Bei den Berlinern dirigiert Gustavo Dudamel, der venezolanische Shootingstar mit Feuer im Blut. Christian Thielemann, der kommende Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, steht dagegen für alte Kapellmeistertugenden. Wenn Dudamel nun den gediegenen Maestro spielt und Thielemann den furiosen Draufgänger, bitteschön. Der Rollentausch hält allerdings nicht lange an. Die Dresdner scheren mit Ausschnitten aus Franz Lehárs "Die lustige Witwe" in die konventionelle Operettenschiene ein, während die Berliner mit dem Wechsel ins spanische Kolorit ihr Feuerwerk zünden.

Die Berliner werfen Elina Garanca in die Waagschale. Als Dalila betört sie ihren Samson. Da fließt das Herzblut in Strömen. Dann geht es erst richtig los. Dudamel tänzelt auf Zehenspitzen. In ihrer Paraderolle als Carmen ist die Garanca unschlagbar. Sie flirtet auch mit dem Dirigenten. In der Großaufnahme bleibt nichts verborgen. Du schaltest ja gar nicht mehr um, beschwert sich einer aus unserer Dresdner Fraktion. Ach so, naja. Das "Viljalied" aus der Dresdner Semperoper mit Renée Fleming. So viel Schmelz, so viel Sentiment. Nur der Schlusston ist verwackelt. Abstrafen durch Umschalten?

Im Ersten zündet Dudamel das ultimative Leuchtfeuer mit de Fallas "Dreispitz" und spanischen Zugaben mit rasselnden Kastagnetten. Applaus, Applaus, dann hat Christian Thielemann mit Lehárs Champagnerseligkeit den Rest der Sendezeit für sich. Aber was ist das? Das Dresdner Konzert wird mitten im Duett abgewürgt, damit vor der "heute"-Sendung noch Werbung laufen kann. Thielemann wird toben.

Die Silvestertruppe befindet mehrheitlich, dass beide Parteien gewonnen haben. Die Quoten urteilen anders. Demzufolge lagen die Dresdner mit 1,67 Millionen Zuschauern (7,7 % Marktanteil) klar vor den Berlinern mit 1,19 Millionen (5,6 %).