Berliner Kritiken

Tanja Ries betört mit Chansons voll Melancholie

Es gibt Klangwelten, aus denen man nie wieder auftauchen möchte. Wenn Tanja Ries singt etwa und mit ihrer zuweilen fast zerbrechlichen Stimme im Zwiegespräch ist mit Cello und Klavier. So könnte es einen ganzen Regenherbst lang weitergehen, auch wenn man sich wegen der manches Mal tieftraurigen Texte gern von der Teppichkante stürzen würde.

Die charmante Chanteuse witzelt mit Vorliebe über diese Grundmelancholie, die zwar auf viele ihrer Lieder zutrifft, nicht aber auf sie selbst, kann sie doch auch herrlich erfrischend herumalbern.

Gerade diese Gegensätze machen Abende mit Tanja Ries seit fast 15 Jahren so einzigartig und die zierliche Sängerin zur Ikone des neuen deutschen Chansons. Nun hat sie mit ihrem Programm "Herbstzeitlos" umjubelte Premiere in der Bar jeder Vernunft gefeiert. Eine Mischung aus Werkschau und neuen Songs, vorzüglich begleitet von Peter Erles an Cello und Bass sowie Florian Grupp an den Tasteninstrumenten.

Ein Lied muss natürlich an einem solchen Abend in jedem Fall gespielt werden: "Holländer". Schließlich wollte niemand mehr den abgeleierten Song "Wenn ich mir was wünschen dürfte" hören, bevor Tanja Ries kam und ihn mit schroffen Sounds komplett vom Kitsch befreite. Es gibt Wiederbegegnungen mit vielen Lieblingsliedern wie dem grandiosen "Walzer" oder "Liebe mich" und spannende neue Songs wie "Rilke". Natürlich dreht sich alles fast ausnahmslos um Herzschmerz und Liebe, verpackt in Verse und Melodien voller lakonischer, traumschöner Poesie. In diesen Kosmos folgt man der Ausnahmekünstlerin Tanja Ries nur zu gern, die übrigens ab dem 25. Oktober sonntags ihr legendäres "Nachcafé" im Aufsturz in Mitte wieder aufleben lässt.

Bar jeder Vernunft , Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Tel. 883 15 82. Nochmals heute, um 20 Uhr