Theater

Und jeder muss einmal Oskar sein

Hand aufs Herz, was fällt Ihnen zur "Blechtrommel" ein? Der eklige Pferdekopf mit den armdicken Aalen drin? Katharina Thalbach mit dem Brausepulver im Bauchnabel? Mario Adorf mit heruntergelassenen Hosen beim Schwängern von Maria?

Die Verteidigung der polnischen Post? Der von Oskars Trommelschlägen aufgemischte Nazi-Aufmarsch? Agnes' wöchentliche Besorgungen im ziemlich wortwörtlichen Sinne, während ihr Kind sich beim Spielwarenhändler Sigismund Markus aufhält? Das Zersingen von Glas? Die Blechtrommel am Kruzifix? Das verschluckte und damit tödliche Parteiabzeichen?

Es gibt wahrscheinlich kaum einen zweiten literarischen Stoff, der so fest verankert im kollektiven Bewusstsein ist wie "Die Blechtrommel". Wobei das weniger an dem 1959 erschienenen Roman von Günter Grass liegt, sondern vielmehr an der 20 Jahre später herausgekommenen und oscargekrönten Verfilmung von Volker Schlöndorff, von der es neuerdings sogar eine Langversion gibt. Meistens steht ja ein Film am Ende der Verwertungskette und die Dramatisierung eines Romans eher in der Mitte. Ist es umgekehrt, dann hat der Regisseur ein Problem: Wie geht er mit den bekannten Bildern um? Verfremdet er sie? Reflektiert er die Rezeptionsgeschichte des Stoffes?

Zentnerweise Kartoffeln

Jan Bosse setzt im Maxim Gorki Theater konsequent auf den Wiedererkennungseffekt - und spielt mit den Bildern. Er suggeriert dem Zuschauer, dass er zeigt, wie der Abend entsteht. Deshalb darf sich kein Schauspieler mit seiner Figur richtig identifizieren. Stat dessen müssen sie auch mal aus der Rolle fallen, das Geschehen kommentieren. Zu den Requisiten greifen, die auf einem Tisch vor der ersten Reihe des Zuschauerraums liegen und sich auf der Bühne umziehen. Bloß kein Illusionstheater!

Alle sieben Akteure spielen den Blechtrommler, wobei sie sich überwiegend aufs pointierte Erzählen beschränken. Eine kluge Entscheidung, denn diese Figur ist so eng mit David Bennent verknüpft, dass sich ein Einzelner in der Oskar-Rolle daran messen lassen müsste - und wohl kaum bestehen könnte. Zu mehr Erkenntnis freilich führt der siebenfache Oskar an diesem Abend nicht, aber die Vervielfachung der Figur produziert dankenswerterweise auch keine Irritationen. Was irgendwie auf die ganze Inszenierung zutrifft.

Kartoffeln sind ein zentrales Element - so beginnen auch Film und Roman (abgesehen von der kleinen Rahmenhandlung) mit der Szene auf dem Acker. Oskars Großmutter gewährt einem Verfolgten Asyl, indem sie ihre zahlreichen Röcke hebt - und prompt schwanger wird, was Ruth Reinicke am Bühnenrand stehend erzählt. Vorher rollen die Kartoffeln zentnerweise die schräge Bühne hinunter, die Stéphane Laimé mit grauem Bunkerbeton verkleidet hat. Später werden die Erdfrüchte geworfen, gegessen, gekickt und Robert Kuchenbuch schnitzt in seinen Auftrittspausen auch kleine Kunstwerke aus ihnen, die er am Bühnenrand aufstellt. Das sieht ganz putzig aus.

Im Bühnenhintergrund steht eine Leinwand, die zur weiteren Illustration und zur Übermalung dient. Die neben dem Requisitentisch installierte Kamera ist Teil des Spiels, damit werden Fotos (beispielsweise aus einem alten Familienalbum), aber auch Strichmännchen projiziert. So wird Britta Hammelstein als Maria Matzerath in der Brausepulver-Szene (auf selbiges verzichtet Bosse allerdings) förmlich von Oskars anschwellendem drittem Trommelstab auf der Leinwand in die Ecke gedrängt; eine von zahlreichen Szenen, die im Gedächtnis haften bleiben - den Filmbildern zum Trotz!

Dazu zählt auch die zwischen Slapstick und Musicalparodie pendelnde Nummer mit der SA-Uniform, in die Ronald Kukulies wegen seinen mittanzenden Kollegen kaum hineinkommt. Cristin König verschlingt pfundweise Fruchtgummischlangen (die Aal-Szene!). Anne Müller gibt mal einen ganz bösen Oskar und dass Hans Löw wieder einmal als Gast am Gorki auftritt, ist einfach schön.

Zum Schluss dürfen alle die Kleider und kurzen Buchsen ablegen, die Bühne wird leergefegt, der Spuk des Dritten Reiches ist vorbei, der Wiederaufbau beginnt unbelastet in langen Hosen (Kostüme: Kathrin Plath). Regisseur Bosse streift die Nachkriegszeit kurz, aber prägnant: Auf der Leinwand erzählen die sieben Oskars, wie sie beziehungsweise er und all die anderen, die überlebt haben, im Westen Karriere machen - losgelöst von der Vergangenheit und den Verstrickungen.

Armin Petras, der Intendant des Gorki-Theaters, hat den Grass-Roman für die Bühne bearbeitet. Die Koproduktion mit der Ruhrtrinnale kam kürzlich in Bochum heraus und bereichert jetzt den Spielplan des Theaters. Und da passt die "Blechtrommel" gut hinein ins Umfeld von "Gertrud" und "Rummelplatz" - wobei die Bosse-Inszenierung an diese beiden herausragenden Arbeiten nicht heranreicht. Aber nochmal Hand aufs Herz: In den vergangenen Tagen gab es vier große Premieren in Berlin. Manche dauerten nicht einmal 90 Minuten, aber so kurz wie diese dreistündige "Blechtrommel" kam einem keine andere Inszenierung vor.

Maxim Gorki Theater , Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20 22 11 15. Termine: 30.9.; 1., 24. und 31. Oktober, 19.30 Uhr