Deutsches Theater

Gerade noch begehrt - und schon gehasst

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Stefan Kirschner

Der "Sommernachtstraum" ist das erotischste Stück Shakespeares. Und in kaum einem zweiten Werk ist die Erotik so brutal: Brautraub, ein handfester Streit um einen Lustknaben, Zwangsheirat, ein ausgeprägter Hang zum Masochismus und Sex mit einem Esel sind nur ein paar Dinge, die in dieser gern romantisch inszenierten Komödie vorkommen.

Es ist ein Verdienst von Regisseur Andreas Kriegenburg, dass er in seiner Inszenierung am Deutschen Theater die Schärfe und Brutalität der Situationen und Dialoge herausarbeitet. Und das Ganze gleichwohl in einen heiteren Rahmen kleidet. Er hat das Stück klug gekürzt - nur am Ende, da fehlt ihm der Mut zu einem klaren Schnitt. Warum nur lässt er zum Schluss und zudem elend lang "Pyramus und Thisbe" - das Schauspiel im Schauspiel - spielen, wo doch das Königspaar längst gestrichen ist?

Die Eröffnung ist stark: Die fünf Handwerker - Schneider Schlucker, bei Shakespeare der sechste, ist gestrichen, was auf der Bühne mit krankheitsbedingtem Fehlen entschuldigt wird -, die zu Ehren der königlichen Hochzeit das "Pyramus"-Schauspiel aufführen wollen, erscheinen in Blaumännern samt farblich passendem Eimer. Eine Fensterputzerkolonne, die kollektiv auf die Pause wartet und später über Traumdeutungen von Walter Benjamin bis Sigmund Freud philosophiert - und damit auch das Stück kommentiert. Das hat hohen Unterhaltungswert. Na ja, und außerdem putzen die vier Damen (bestens besetzt mit Margit Bendokat, Barbara Schnitzler, Almut Zilcher und Barbara Heynen) und der Herr (Markwart Müller-Elmau spielt Zettel) die Scheiben. Denn Kriegenburg, der auch das Bühnenbild entworfen hat, lässt in einem verglasten Kasten spielen, bei dem der Wald zwischen den Scheiben domestiziert ist - und die Liebespaare gern mal durch die Scheiben schauen. Dem Regisseur gelingen zur Saisoneröffnung im Deutschen Theater poetische Bilder wie das der in einem Spinnenweb in der Luft schwebenden Elfenkönigin Titania (Olivia Gräser). Bedauerlicherweise verbraucht sich mancher Einfall im Laufe des etwas zu langen dreistündigen Abends.

Kriegenburg versucht, das Stück in die Gegenwart zu holen. Die Gesellschaft telefoniert gern auf dem Handy, man trinkt den Sekt direkt aus der Flasche. Die Frauen tragen vorzugsweise ähnlich aussehende Sommerkleider, schließlich sind die Personen in dieser Liebes- und Verwechslungskomödie austauschbar; wer eben noch begehrt wurde, kann dank Pucks Zaubertropfen schon im nächsten Augenblick gehasst werden.

Daniel Hoevels spielt Puck, den Gehilfen Oberons (Ole Lagerpusch), nicht als schalkhaftes Wesen, sondern als Mini-Mephisto, der auch einer etwas älteren Elfe (Katharina Matz) galant den Hof macht. Geradezu zauberhaft die Arbeit der Kostümbildnerin Andrea Schraad, die die Elfen und Kobolde mit Farn-, Baumrinde- oder Blätterköpfen ausgestattet hat.

Die Liebespaare sind älter besetzt als meistens üblich: Lysander (Bernd Moss) leistet sich eine heftige, lautstarke Auseinandersetzung mit Hermia (Natali Seelig), die weniger zu frisch Verliebten als zu einem Paar nach 20 aufreibenden Ehejahren passt. Jörg Pose gibt als Demetrius den ewigen Verlierer in Beziehungsdingen, der nur dank Zauberkraft bei der eigentlich verachteten Helena (Judith Hofmann) landet. Irgendwie scheint es, als ob der Regisseur das Shakespeare-Stück unterschätzt hat: Es wehrt sich gewissermaßen gegen die Transformation in die Gegenwart - und überwuchert schlussendlich Kriegenburgs Konzept.

Deutsches Theater , Schumannstraße 13a, Mitte. Tel.28 44 12 21. Termine: 28. und 30. September; 5., 8., 10. und 14. Oktober, unterschiedliche Anfangszeiten.