Theater

Die Körper finden keinen Halt

Wachsweich rutschen die Körper in ihren Anzügen jetzt von jenen Clubsesseln, aus denen sie einst, als sie jung waren, aufbrachen, sich das große, wilde Leben zu schnappen. So sehr sie sich mühen, sie kriegen es nicht zu fassen und sie kriegen einander nicht zu fassen. Es gibt keinen Halt.

Körper entwinden sich, umfließen einander, aber finden nicht zusammen, Momente der Nähe scheinen nicht aushaltbar, immer kommt von irgendwo eine Kraft, die reißt an den Gliedern, in eine neue Richtung.

Seit Falk Richter und die niederländische Choreographin Anouk van Dijk vor zehn Jahren das erste Mal für "Nothing hurts" zusammenarbeiteten und sich dort mit Exzessen jeder Art beschäftigten, ist viel passiert. Zum Beispiel ein veritabler Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Was stellt der substanzielle Vertrauensverlust mit den erschöpften Menschen und ihren Beziehungen an? Wie funktioniert eine Gesellschaft ohne Vertrauen? Das untersuchen Richter und van Dijk in ihrem neuesten Gemeinschaftswerk "Trust" mit fünf Schauspielern, vier Tänzern und dem Musiker Malte Beckenbach, der vom Mischpult aus drängende Beats beisteuert, jetzt an der Schaubühne. Es ist grandios gelungen, als eine Art von Gegenwartsdramatik, die punktgenau in ihrer Zeit sitzt, und zwar indem sie darauf wartet und drängt, dass genau diese Zeit bald vorbei sein möge.

Richter inszeniert zusammen mit van Dijk seinen Text dicht und intensiv, mit einer großen Ruhe, die einen wie ein beunruhigender Sog erfasst. Tanz und Text ergänzen und formen einander als absolut gleichberechtigte Partner und sowohl Tänzer wie auch die Darsteller lassen sich gekonnt aufs jeweils andere Metier ein.

Das Vage, das Angedeutete, das Mögliche läuft hier, in diesem Industriegestängeraum mit mehreren Ebenen, der ebenso Warenlager wie Großstadtloft sein könnte, zu großer Form auf. Beziehungen im Konjunktiv, aber da das alles so mühsam ist, fällt immer wieder dieser eine Satz: "Es ist zu kompliziert, jetzt alles zu ändern." Dabei hat sich längst alles geändert.

Zum Beispiel bei Kay (Kay Bartholomäus Schulze) und Judith (Judith Rosmair), die sich nicht darauf einigen können, ob sie vor 14 Jahren mal drei Wochen zusammen waren oder sich vor drei Wochen nach 14 Jahren getrennt haben. Oder für Stefan, ebenfalls gespielt von sich selbst, von einem sehr präsenten und in der Sprache pointierten Stefan Stern, der sich an Kays Stelle an Beate erinnert und an eine Reise nach Shanghai, um dort mit dem japanisch isländischen Sozialsystemforscher Atsushi Lyngursvötsson über das Werk "Zusammenbrechende Systeme" zu überarbeiten und darüber nachzudenken, dass das, was die RAF zum Zusammenbruch des Systems einst beizutragen gedachte nun von den Konzernchefs selbst erledigt wurde.

Das mag albern sein, bisweilen auch überzogen, aber auch komisch. Dieser Abend entbehrt im besten Sinne jeglicher Substanz und selten war Substanzlosigkeit im Theater so sinnvoll und so substanziell zu spüren.

Schaubühne am Lehniner Platz, Charlottenburg.Tel. 89 00 23 Termine: 12., 14., 15. und 19.10.