Roman

Jeder ist verdächtig in der Wüste bei Las Vegas

Wenn die Raumzeit einen Schluckauf hat, geschieht es, dass plötzlich unerklärlich viele TV-Programme empfangen werden können. Alles kann man dann sehen: alte Baseball-Highlights, verschollene Folgen von "Raumschiff Enterprise", jede Art von Nachmittags-Seifenopern oder Vietnamkriegsfilmen.

Warum sollten in dieser ätherischen Anomalie, die sich in Thomas Pynchons neuem Roman irgendwo in der Wüste bei Las Vegas ausgebreitet hat, nicht auch ungedrehte Filme der Zukunft wabern? Zum Beispiel die Verfilmung des Pynchon-Romans? Die Rechte, heißt es, werden längst verhandelt. Es wäre ein Novum für diese notorisch überkomplexen, praktisch unverfilmbaren Bücher. Aber wenn doch, dann wäre es vermutlich ein amerikanischer Film Noir à la "The Big Sleep", jedenfalls etwas aus den 1940ern mit Humphrey Bogart. Allerdings ein Film Noir in orange, pink und anderen Farben des psychedelischen Spektrums. Pynchon nämlich hat einen Philip Marlowe zum Hippie gemacht, auf Dauer-Dope gesetzt und ins Los Angeles des Jahres 1970 gebeamt. Herausgekommen ist ein Spektakel, das die Sucht nach der Welt des Thomas Pynchon für die Lesezeit von knapp 500 Seiten befriedigt.

Tatsächlich, "Natürliche Mängel" ist nur 480 Seiten lang. Gemessen an seinen unmittelbaren Vorgängern "Gegen den Tag" (1600 Seiten) und "Mason & Dixon" (1000 Seiten) ist das ein eher schmales Bändchen.

Die dezente Länge dürfte damit zu tun haben, dass es sich um eine Detective Story handelt. Und zwar in klassisch amerikanischer Hard-Boiled-Tradition. Das Genre, scheint es, diszipliniert und drängt zu einer gewissen Ökonomie. Es zwingt zu einer Geschichte - jedenfalls für Pynchon-Verhältnisse - von nahezu biblischer Schlichtheit mit überschaubaren Handlungssträngen und vergleichsweise hohem Anteil an wieder erkennbarer Realität. In ihrem Zentrum steht Larry Sportello - auch "Doc", weil er stets mit einem Injektionsbesteck unterwegs ist, mit dem man ein "Wahrheitsserum" aufziehen könnte.

Doc, knapp 30 Jahre alt, ist Private Eye am fiktiven Strand Gordita Beach in Kalifornien. Er wird also zu Beginn von seiner Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth aufgesucht. Es geht darum, dass ihr neuer Liebhaber, der steinreiche Immobilienmagnat Michael Wolfmann, von seiner intriganten Frau in eine Nervenklinik abgeschoben werden soll. Shasta soll mitspielen und mit absahnen, fühlt sich dabei jedoch nicht recht wohl und bittet Doc, die Sache zu verhindern. Für einen anderen Klienten muss Doc Knast-Schulden eintreiben. Und zwar just bei einem Typen, der zu Wolfmanns Bodyguards gehört. Es dauert nicht lange, dann sind Mickey Wolfmann samt Shasta verschwunden und Doc erwacht nach einem genreüblichen Blackout neben dem toten Bodyguard. Das wiederum liefert Bigfoot Bjornson, Detective Lieutenant und als staatlich angestellter Polizist Docs Gegenpart, einen guten Grund, den Privatschnüffler für verdächtig zu halten. Falls er ihn nicht selbst aus dunklen Motiven neben der Leiche drapiert hat...

Nein, nicht dass es auf das Handlungsgerüst der Kriminalgeschichte sonderlich ankäme. Entscheidend ist, worauf die Sache hinauswill. Und das scheint auf den ersten Blick ein wenig ernüchternd zu sein: eine Genreparodie. Allein, die Wucht, mit der Pynchon für gewöhnlich sein Paralleluniversum samt dessen untergründiger, alternativer Geschichte gegen unsere bekannte Welt stellt, sie spürt man in "Natürliche Mängel" kaum.

"Natürliche Mängel", so scheint es, ist ein eher unterdurchschnittlicher Pynchon. Aber Literatur ist bekanntlich aus Sprache gemacht. Was der Übersetzer Nikolaus Stingl nun schon seit Jahren für den deutschen Pynchon tut, ist grandios. Da sind die verschiedenen Register des Trash, der Philosophie oder einfach nur der höheren Blödelei zu beherrschen.

Thomas Pynchon Natürliche Mängel. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek. 480 S., 24,95 Euro.