Kunst

Das Leben der einen: Ein Mauer-Schicksal als Comic

Zwei Dutzend Jungs stehen an einem Fahnenmast und salutieren: "Immer bereit!" Hinter ihnen blickt streng der überlebensgroße Ernst Thälmann. Das hat schon etwas comic-haftes, und so funktioniert es besonders gut in dem neuen Comic-Roman "drüben!" von Simon Schwartz.

Dabei geht es hier gar nicht darum, über die Vergangenheit vieler Ostdeutscher zu lachen.

Mit Linien wie von Scherenschnitten, in Grautönen und angenehm klaren Flächen hat der Debütant die Geschichte seiner Familie um 1989 gezeichnet. Der Band ist die Abschlussarbeit des 27-Jährigen an der Hamburger Fachhochschule HAW. Schwartz ist Berliner, 1984 verließ er als Anderthalbjähriger mit seinen Eltern die DDR gen Westen. In dem Buch "drüben!" rekonstruiert er die Geschichte des Paares - es findet zusammen, es lernt die kritische Szene kennen, es leidet immer mehr unter den Repressalien des Regimes, bemüht sich schließlich um Ausreise.

Die Story lässt keinen Zweifel daran, dass das Leben in der DDR eine Qual für frei Denkende war - interessanterweise treffen die Ungerechtigkeiten hier vor allem aufrechte Sozialisten, die am System des Landes kritisch mitarbeiten wollen, weil sie es für fehlerhaft halten. Der Zeichenstil steht dem Comic-Strip näher als dem ganz ernsten graphischen Roman. Da wirkt nun die Härte der streng systemtreuen Großeltern besonders brüskierend, die Schikanen der Stasi, bis hin zu einem Einbruch und einer inszenierten sexuellen Belästigung, schockieren umso härter. Und über allem liegt eine tiefe Traurigkeit, gespeist von der Einsicht, dass die DDR Familien und Freundschaften zerstören konnte.

Den Tonfall des sentimentalen Rückblicks auf die Familiengeschichte war auch den hervorragenden biographischen Comics "Fun Home" oder "Persepolis" eigen, die dem Genre im vergangenen Jahr viel neue Aufmerksamkeit brachten. Auch der Franzose Blutch hat es gerade mit seinem "Kleinen Christian" gezeigt: Gezeichnete Romane sind offenbar sehr geeignet, die eigene Lebensgeschichte zu erforschen. Es mag daran liegen, dass der Comic mit seinen stehenden Bildern und der spärlichen Textmenge viel Platz lässt, dass er schon grundsätzlich als ästhetische Form luftig und assoziativ ist. Genau wie alte Erinnerungen selbst.

Comic wird in Deutschland oft noch als minderwertiges Ersatzmedium gesehen. Dabei wird vergessen, dass der Comic eine eigene Kunstform mit eigenen Gesetzen ist. "drüben!" ist wieder ein schöner Beweis dafür. Das Bedrohliche einer Passkontrolle wird in herrlich expressionistischen Bildern ohne Text gezeigt.

Manchmal vergisst das Buch, dass es die angreifbare Sicht eines heute erst 27-Jährigen ist, die durch manche Vermittlungsstufe gegangen sein muss. Sein stärkster Moment ist daher der letzte, wenn der Erzähler sich selbst wieder einbringt, den Moment, in dem sein bewusstes Gedächtnis beginnt. Es ist die Party der glücklich in West-Berlin Angekommenen, nach Jahren der Ächtung als Verräter. Ihr Glück ist brüchig, aber sie fühlen sich frei.

Simon Schwartz , "drüben!" Avant-Verlag, 14,95 Euro.