Interview mit Mick Fleetwood

"Im Kopf sind wir noch jung"

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Mick Fleetwood, der Gründer, Namensgeber und Schlagzeuger von Fleetwood Mac, hat seine geliebte Pazifikinsel verlassen und tourt zum ersten Mal seit 2004 wieder gemeinsam mit Stevie Nicks, Lindsay Buckingham und John McVie durch die Welt.

Die Konzerte stehen unter dem Motto "Unleashed" ("Entfesselt"), enthalten alle Hits und dauern rund zweieinhalb Stunden. Am 19. Oktober werden sie ihr Programm in der O2-Arena präsentieren. Steffen Rüth telefonierte vorab kurz mit dem gebürtigen Briten.

Berliner Morgenpost: Guten Morgen, Mick. Wo erwischen wir Sie denn?

Mick Fleetwood: Auf Hawaii. Vor drei Jahren bin ich vollständig hierher übergesiedelt, vorher war ich nur einige Monate im Jahr dort. Ich habe mich in die Insel verliebt, auch meine Frau und meine beiden Zwillingstöchter Ruby und Tessa, die sieben Jahre alt sind und in die Schule gehen, fühlen sich unglaublich wohl auf Hawaii. Die beiden sind noch jung und halten mich alten Mann auf den Beinen. Ich hatte das große Glück, mit Mitte 50 noch einmal eine Familie zu gründen. Meine beiden älteren Töchter sind ja schon in den Dreißigern. Ich mag den Lebensstil hier, auch wenn ich nicht surfe. Dafür bin ich nun wirklich zu groß und zu schwer.

Berliner Morgenpost: Sind Sie mit 61 und nach 40 wilden Musikerjahren zufrieden mit Ihrer Gesundheit?

Mick Fleetwood: Oh ja, das bin ich wirklich. Als Schlagzeuger brauche ich Kraft, und die habe ich. Ich mache viel Sport und denke nicht, dass ich schwächer geworden bin. Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Besser, als es mir den Großteil meines Erwachsenenlebens ging. Ich habe mich auf alle Fälle schon einmal älter gefühlt als jetzt. Als ich Drogen nahm, als ich soff. Das ist vorbei. Aber ich weiß, dass ich keine 20 mehr bin. Dafür tut mir mit meinen fast zwei Metern der Rücken zu weh, wenn ich nach fünf Stunden Fahrt im Tourbus aufstehen muss.

Berliner Morgenpost: Ist das Alter eine Frage der Einstellung?

Mick Fleetwood: Da ist was dran. Ich bin sehr jung im Kopf, würde ich sagen. Ich fühle immer noch sehr viel Energie in mir. Ich bin voller Lust auf das Leben. Ich bin niemand, der sich im Schaukelstuhl zurücklehnt und sich sagt "Das war es. Ich lese nur noch Bücher und mache sonst nichts mehr."

Berliner Morgenpost: Vertragen Sie sich eigentlich, wenn Sie gemeinsam auf Welttournee sind?

Mick Fleetwood: Wir bemühen uns (lacht). Wir alle sind in den vergangenen Jahren familiärer, sesshafter, erwachsener geworden. Auch wenn sich das komisch anhört, wenn man von Leuten um die 60 spricht.

Berliner Morgenpost: Was heißt erwachsenes Benehmen?

Mick Fleetwood: Verantwortungsbewusster. Wir passen auf uns auf, wir sitzen nicht mehr die ganze Nacht irgendwo rum und besaufen uns nach jedem Konzert. Das hältst du nicht durch - und du willst es auch gar nicht mehr. Insofern ist es einfacher heutzutage, weil wir nur noch das Konzert haben. Früher hatten wir nach dem Konzert erst die richtige Show, die Party.

Berliner Morgenpost: Vermissen Sie die gute alte Zeit?

Mick Fleetwood: Nein, wirklich nicht. Überhaupt nicht. Du wächst da irgendwann raus. Ich möchte mein Leben, das ich heute habe, nicht mit dem Leben tauschen, das ich als 25-Jähriger hatte.

Berliner Morgenpost: Wie kommen Sie denn heute musikalisch miteinander aus?

Mick Fleetwood: Gut. Sehr viel besser. Die Vergangenheit mit unseren ganzen Beziehungshochs und -tiefs innerhalb der Band ist ja sehr ausführlich dokumentiert worden. Es war ein seltsamer und manchmal wirklich schwieriger Trip mit dieser Band, es war nicht immer alles perfekt, aber der Punkt ist: Hier sind wir. Wir sind Musiker, wir spielen gerne miteinander, das macht uns wirklich große Freude. Jetzt sitze ich hier so entspannt wie ein älterer englischer Gentleman, aber auf der Bühne kann ich wild und dramatisch sein, das ist ein guter Ausgleich.

Berliner Morgenpost: Was glauben Sie, warum wollen die Menschen immer noch Fleetwood Mac sehen?

Mick Fleetwood: Bei Fleetwood Mac waren wir uns immer bewusst, dass es das Publikum ist, das uns groß gemacht hat. Ich denke, da spreche ich für alle Mitglieder der Gruppe: Wir kümmern uns. Wir sind nie gleichgültig oder uninteressiert gegenüber unseren Fans gewesen.

Berliner Morgenpost: Das letzte Album "Say you will" ist vor über fünf Jahren erschienen. Werden Sie bei den Konzerten auch neue Lieder spielen?

Mick Fleetwood: Nein. Wir werden Songs spielen, von denen wir wissen, dass die Menschen sie mögen werden. Zum ersten Mal in der Karriere von Fleetwood Mac kommen wir ohne ein neues Album. Sondern mit einem Programm, das den Leuten das gibt, was sie wollen. Neue Lieder werden diesmal nicht zwischen uns und dem Publikum stehen. Wir werden uns auf eine Reise begeben, die alle schon kennen.

Berliner Morgenpost: Also wird es viele Songs von Ihrem berühmtesten Album geben. Können Sie erklären, warum "Rumours", das 1977 erschien, eine der beliebtesten und erfolgreichsten Platten der Popgeschichte geworden ist?

Mick Fleetwood: Ja, ich denke, das kann ich erklären. Die Band vibrierte damals, es gab eine Menge zwischenmenschlicher Dynamik. Die Beziehungen, die wir untereinander hatten, faszinierten einfach. Dazu kam, dass wir praktisch drei verschiedene Bands in einer waren, mit den Stimmen von Christine, Stevie und Lindsay. Dennoch harmonierten wir gesanglich. Das Album hatte zudem eine Menge Inhalt, emotionales Chaos, es war verrückt. John und Chris waren verheiratet und trennten sich gerade, Stevie und Lindsay fielen auch auseinander. Wir schliefen alle miteinander und mussten das irgendwie in der Musik verarbeiten.

Berliner Morgenpost: Die Musik selbst ist zeitlos, oder?

Mick Fleetwood: Das ist sie. Das Album als solches hat musikalisch überlebt. Es klingt auch heute nicht veraltet. Damals begann man mit Drummaschinen und solchem Zeug zu experimentieren, was dazu führte, dass viele Platten aus den Achtzigern heute antiquiert klingen. Unsere Alben waren wirklich organisch und haben sich gehalten. Die Lieder schließlich hingen als komplettes, starkes Werk zusammen, keine einzige Nummer fiel gegenüber den anderen ab. So etwas ist selten.

Berliner Morgenpost: Sie haben nie einen Hehl daraus gemacht, wo Sie politisch stehen.

Mick Fleetwood: Warum sollten wir? Wir sind Linke. Wo Gerechtigkeit versagt, kommt Gewalt ins Spiel. Wir kultivierten Völker sollten andere Arten des Umgangs beherrschen als die des Krieges. Es gibt immer Alternativen.

Berliner Morgenpost: "Don't Stop" haben Sie 1993 bei der Amtseinführung von Bill Clinton gespielt...

Mick Fleetwood: ...und bei seinem Abschied aus dem Weißen Haus noch einmal. Bill ist ein guter Kerl. Leider gab es dann lange keinen US-Präsidenten, für den wir hätten auftreten wollen. Und Obama, den wir alle sehr schätzen, hat ja lieber Bruce Springsteen engagiert. Aber wenn er 2017 an Hillary übergibt, dann hoffe ich doch sehr, dass wir wieder dabei sind.