40 Jahre "Tatort"

Alles klar, Herr Kommissar

Der dramaturgische Höhepunkt des Films sollte an besonders exponierter Stelle stattfinden. Dreckig sollte es sein, buchstäblich zum Himmel stinken. "Rattennest" hieß 1972 der zweite "Tatort"-Krimi, der in Berlin gedreht wurde. Die ganze oder doch die halbe Stadt, also West-Berlin, sollte als einziger Hort von Schurken und Kriminellen, von Menschenratten gezeigt werden.

Und die mussten sich letztlich da bekämpfen, wo auch die echten Ratten zu finden sind. Also fahren zwei Ganoven - ein größerer Kontrast ist kaum möglich - in einem flotten Sportwagen zu einem Müllberg, um sich dort zu schlagen und im Dreck zu wälzen. Sie fahren über die Wittenauer Straße, am Horizont ist das Märkische Viertel zu sehen.

Man glaubt heute seinen Augen nicht zu trauen. Längst ist aus dem Areal der Freizeit- und Erholungspark Lübars geworden. Doch genau hier, kurz vor der ehemaligen Mauer, hat man einst den Müll hingekarrt. Der Berliner Senat plante 1972 sogar, das Areal zu einer Großdeponie auszubauen, was aber an Protestaktionen der Anwohner scheiterte. Stattdessen wurde das sogenannte "Müllabkommen" mit der DDR geschlossen, die sich bereit erklärte, den Berliner Hausmüll gegen Devisen zu entsorgen. Und der Müllberg, eben noch Filmkulisse, wurde geschlossen. Schon in dieser Hinsicht ist jene "Tatort"-Folge, die am 8. Oktober 1972 ausgestrahlt wurde, eine Entdeckung.

Des Deutschen liebster Krimi

Der "Tatort", des Deutschen liebster Krimi, leistet nichts weniger als eine Ethnologie des Inlands. Daran hatte noch keiner gedacht, als am 29. November 1970 die erste Folge "Taxi nach Leipzig", ein Hamburger "Tatort", ausgestrahlt wurde. Damals ging es zunächst nur darum, der wachsenden Konkurrenz des ZDF mit seiner Unterhaltungsoffensive zu begegnen. Der WDR-Redakteur Gunther Witte sollte deshalb der quotenträchtigen ZDF-Krimiserie "Der Kommissar" eine eigene Reihe entgegensetzen. Und nur, damit das Projekt nicht zu teuer würde, kam er auf die Idee, die föderale Struktur zu nutzen, sprich: alle ARD-Anstalten in das Projekt einzubinden und die Krimis an verschiedenen Orten, mit wechselnden Kommissaren spielen zu lassen. Gerade Außenaufnahmen an bekannten und beliebten Örtlichkeiten sollten die muffigen Studio-Kulissen des "Kommissars" ausstechen.

Die Idee zündete nicht gleich; fiel bei einer Koordinationssitzung der ARD zunächst sogar durch und wurde erst wieder auf den Tisch gebracht, als das Zweite dem Ersten immer mehr die Schau (und das Publikum) stahl. Auch die Fernsehspielchefs der einzelnen Anstalten waren nicht gleich überzeugt. "Ich hatte ganz schön Muffensausen", erinnert sich Witte: "Wir sagten, wir machen das mal für zwei Jahre, dann sehen wir weiter." Heute kaum zu glauben: Denn daraus entwickelte sich die beliebteste und langjährigste deutsche Fernsehreihe, die zunächst einmal pro Monat, inzwischen fast wöchentlich (alternierend mit dem "Polizeiruf") ausgestrahlt wird. Am 27. Dezember 2009 wurde die 750. Folge gefeiert und demnächst steht schon der 40. Geburtstag an. Ein willkommener Anlass für die "Berliner Morgenpost", gemeinsam mit dem RBB, eine Box mit sechs spannenden Berliner "Tatort"-Folgen zu präsentieren. Nicht solche jüngeren Datums, wie sie regelmäßig in den Dritten Programmen wiederholt werden. Sondern bereits ältere, die heute nicht mehr so bekannt sind. Da werden nicht nur Hinzugezogene, sondern auch Alteingesessene immer wieder staunen: So sah einmal der Tauentzien aus! So autofrei waren die Straßen, so menschenleer der Tiergarten. Aber auch: So gingen die Menschen miteinander um. Denn auch die Verhaltensweisen haben sich in nur vier Jahrzehnten deutlich geändert.

Dass der "Tatort" einmal zur Ethnographie beitragen würde, hätte damals freilich noch keiner vermutet. Zunächst ging es vor allem darum, den Lokalkolorit auszuspielen; in den ersten Jahren wurde deshalb auch noch gern Dialekt gesprochen. Von Anfang an aber wurde Realismus groß geschrieben: Die Folgen sollten genau verortet sein, präzise Milieustudien abliefern und dezidiert in der Gegenwart spielen. Das macht die Reihe auch zeithistorisch interessant. Dafür steht sogar der eingangs erwähnte Müllberg: Der Plan zur Großdeponie und die Proteste dagegen waren in den Medien präsent, als man "Rattennest" drehte.

Paul Esser war der erste Kommissar

Berlin stieg 1971 ein, mit dem 13. Fall der "Tatort"-Reihe. Nur das Saarland und Radio Bremen folgten noch später. Den ersten Kommissar, Kasulke, spielte Paul Esser, ein Berliner Original und einstiger Star am Schillertheater. Ihm folgten nach nur zwei Jahren - in den Gründerjahren gab es noch eine hohe Fluktuation - Marthin Hirthe als Kommissar Schmidt (1975-1977) und Hans Peter Korff als Kommissar Behnke (1978/79) mit je drei Einsätzen. Volker Brandt als Kommissar Walther (1981-1996) ermittelte schon in sechs Fällen, bevor er zur "Schwarzwaldklinik" wechselte. Dann wurde Heinz Drache, der Gentleman-Ermittler aus alten Wallace- und Durbridge-Krimis, reaktiviert. Auch er brachte es als Kommissar Bülow (1985-1989) auf sechs Folgen, obwohl man ihn von Anfang an als allzu schnieke und realitätsfern kritisierte. Dem setzte man dann mit Günter Lamprecht ein proletarisches Gegenbild entgegen, das man auch als Antwort auf den Duisburger Schimanski verstand: Lamprechts Markowitz (1991-1995) war der erste, der im Gesamt-Berliner Umfeld ermittelte, und einer der besten "Tatort"-Kommissare überhaupt, neben Götz George, Hannsjörg Felmy und Klaus Schwarzkopf. Ein trauriges Kapitel schrieb dagegen Winfried Glatzeder als Kommissar Roiter (1996-1998). Er brachte es zwar immerhin auf zwölf Fälle, die aber stachen vor allem durch ihre billige Videoqualität heraus. Seither, seit 1999, ist Dominic Raacke als Kriminalhauptkommissar Till Ritter der Berliner "Tatort"-Mann, erst zusammen mit Stefan Jürgens als Kommissar Hoffmann (6 Folgen), seit 2001 mit Boris Aljinovic als Kommissar Felix Stark (bisher 22 Folgen).

In frühe "Tatort"-Folgen zu schauen, ist wie ein Gang durchs Landesmuseum. Jetzt erst, mit dem gehörigen zeitlichen Abstand, zahlt sich das Konzept, immer ganz nah am Zeitgeschehen zu operieren, gänzlich aus, schält sich klar heraus, was man in der Entstehungszeit allenfalls vage als Zeitgeist vermuten konnte. In Essers "Rattennest" von 1972 wirkt Berlin etwa noch sehr proletarisch. In der Brandt-Folge "Beweisaufnahme" von 1981 erfährt man viel über die Null-Bock-Stimmung der damaligen No-Future-Generation. Und im ersten Lamprecht, "Tödliche Entscheidung" von 1991, werden die Risse der gerade wiedervereinigten, aber noch lange nicht zusammengewachsenen Stadt offenbar.

Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, hat Erich Kästner in seinem "Fabian" geschrieben. Der Berliner "Tatort" weiß es besser: Das Verbrechen ist überall zuhause, im piekfeinen Zehlendorf wie an der Neuen Nationalgalerie, im Zoo-Aquarium ebenso wie in der Eckkneipe von Pankow. Je älter aber die Folgen sind, desto spannender ist das Wiedersehen mit ihnen.