Sonnenbrille statt Opernglas

Die Natur kann es einem nie recht machen. Zu Beginn der Vorstellung tritt Siegfried Matthus vor das Publikum, um sich für die Sonne zu entschuldigen.

Die Natur kann es einem nie recht machen. Zu Beginn der Vorstellung tritt Siegfried Matthus vor das Publikum, um sich für die Sonne zu entschuldigen. Er habe den Auftrag gegeben, so der Festivalchef, ein Wölkchen davor zu schieben. Das klappt aber bei der Premiere nicht, die schöne Galathee ist kaum zu erkennen. Die Sonne steht alle blendend mitten über der Open-air-Bühne hinter dem Rheinsberger Schloßtheater, ein junges Mädchen verkauft Sonnenbrillen. Die Stimmung ist sonnig-gelassen - es ist die wunderbare Festspielzeit in Rheinsberg.

Touristen schauen sich Schloß und Park an und lauschen beiläufig der Musik, die über das Gelände schallt. Matthus' Kammeroper probt an allen Ecken und Enden. Die künstlerischen Ansprüche können unterschiedlicher kaum sein. Das eine Regieteam mit dem Prager Nationaltheater-Intendanten Daniel Dvorak bereitet für Sonnabend die deutsche Erstaufführung von Josef Mysliveceks "Antigona" vor. Die Tschechen wollen im Schloßtheater ein politisches Stück machen, über Machtrituale irgendwo zwischen Weißrußland und Ukraine. Derweil bringt ein junges Team um Regisseurin Christiane Lutz Franz von Suppés komisch-mythologische Operette "Die schöne Galathee" auf der Festwiese zur Premiere.

Bühnenbildnerin Imke Jurok hat die Podestbühne mit vielen raumteilenden Vorhängen ausgestattet, die zugleich der beste Sonnenschutz sind. Lutz, Jurok und Kostümbildnerin Ute Noack siedeln das Wiener Stück zu Beginn des 20. Jahrhunderts an - mit Couch, Badewanne, Grammophon und Plakaten u.a. mit Mata Hari im Hintergrund. Es wird ohne Mikros gesungen, was für einige der blutjungen Sänger eine Herausforderung ist. Es bleibt verwunderlich, warum die Regisseurin den Tenor David Ameln nicht häufiger an der Rampe plaziert. Der Berliner Sänger bleibt letztlich unentschlossen, ob er seine Marmor-Mieze umgarnt oder besser auf seinen stabilen Stimmsitz achtet. Beides geht noch nicht. Ameln spielt Pygmalion, den Künstler, der die Statue geschaffen hat und sich dummerweise in sie verliebt. Die polnische Sopranistin Agnieszka Adamczak kann als lebendig werdende Galathee die Szene für sich einzunehmen und zugleich alle Verzierungen damenhaft graziös auszusingen. Komödiantisch spielstärker offenbaren sich Christian Ebersberger als Kunstmäzen Mydas und Elzbeta Laabs als Ganymed. Pianist Pawel Poplawski ist der eigentliche Spielmacher dieser Studenten-Inszenierung, locker im Anschlag und hilfreich für die Rampen-Neulinge.

Neues gibt es vom Programm "Der singende See" zu berichten, bei dem jetzt gleich nach der Vorstellung das Publikum mit Schiffen in den Grienericksee stechen kann, derweil sich junge Sänger hinterm Schilf verstecken und Abendlieder singen. Dabei erklingt auch ein dreistimmiges Lied, das Siegfried Matthus auf den Text seiner Enkelin Elsa komponiert hat. Rheinsberg ist eben auch ein Matthus-Festival, selbst wenn der Komponist diesen Familientouch seit dem Auftakt 1991 zu vermeiden sucht. Schauspieler-Sohn Frank Matthus, der wenige Kilometer weiter den Theatersommer Netzeband leitet, hatte sich bei vergangenen Rheinsberger Aktivitäten hinter einem Pseudonym versteckt. Seine Tochter Elsa inspirierte den ihr einst Märchen vorlesenden Großvater Siegfried Matthus zu seiner Oper "Die unendliche Geschichte" (nach Michael Ende). Das Bühnenbild zur Trierer Uraufführung vor zwei Jahren kreierte der Prager Intendant Dvorak. In Rheinsberg treffen sich jetzt alle wieder.

Kammeroper Schloß Rheinsberg . Tel.: 033 931 / 392 96. "Die schöne Galathee". Termine: 18., 20., 21.7., 20 Uhr; Mysliveceks "Antigona". Premiere: 22.7., 20 Uhr.