Galerien

Wir sind so frech

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Gabriela Walde

Plus minus 470 Galerien gibt es in Berlin, verstreut auf viele Kieze, vom Wedding bis nach Wilmersdorf. Am bekanntesten ist wohl die "alte" Kunstmeile Auguststraße, die nach der Wende den Galerien-Boom in Mitte begründete, gefolgt von der Brunnenstraße, der sich entwickelnden Potsdamer Straße, Charlottenburg und Kreuzberg.

Die Konkurrenz ist also groß, und angesichts des reichen Angebotes muss man Profil im eigenen Kiez zeigen. Deshalb ist es kaum überraschend, dass es nun einen "Berlin Gallery District" geben wird. Ganz offiziell und auf Englisch. Startzeit: nächsten Freitag.

44 Galerien befinden sich im Areal

"Natürlich ist der Name frech", sagt Amel Bourouina. "Und wir sind alle selbst erstaunt, dass wir so frech sind." Bourouina leitet die gleichnamige Galerie in der Charlottenstraße und gehört zu den Initiatoren eines Projekts, das die Kunstszene rund um die touristisch stark frequentierte ehemalige Sektorengrenze am Checkpoint Charlie ins Bewusstsein rufen will. Tatsächlich hat die Galeriendichte in den letzten zwei Jahren hier beträchtlich zugenommen. Der "Berlin Gallery District" ist das erste Galerienviertel der Hauptstadt, das sich nun auch selbstbewusst so nennt. Eine Internetseite ist Online (www. berlingallerydistrict.com), dort sind die Ausstellungen in 44 Galerien aufgelistet. Das Einzugsgebiet erstreckt sich zwischen Jüdischem Museum, Halleschem Ufer und Landwehrkanal. Ein Areal, das mit urbanen Gegensätzen aufwartet. An manchen Ecken ist es immer noch recht unwirtlich. Bekanntlich aber gedeiht Kunst dort am besten, wo Orte noch in der Entwicklung sind.

Am Freitag wollen die Galerien, zu denen bekannte Namen und starke Positionen wie Konrad Fischer, Crone, Thomas Schulte und Veneklasen Werner, Carlier Gebauer, Charim Ungar Contemporary gehören, den Start mit gemeinsamen Ausstellungseröffnungen feiern. Bis 21 Uhr werden dann alle Häuser die Türen offen halten, drei Stunden länger als gewöhnlich. Die Stimmung ist gut, wenn man sich umhört, die künstlerische Nachbarschaft kollegial, man freut sich über die Synergieeffekte.

"Dieser gemeinsame Event zeigt doch, welche Qualität sich in Kreuzberg entwickelt hat", findet Galerist Werner Tammen, Chef des Landesverbandes Berliner Galerien (LVBG). "Aber nicht nur das, der Kiez hat seinen speziellen Charme, den immer mehr Leute zu schätzen wissen. Das Besondere ist die Unortigkeit, das Unkonventionelle." Auch in der Galerie Crone in der Rudi-Dutschke-Straße 26 liebt man gerade diese Lebendigkeit. Während einige Galeristen die "Laufkundschaft" vom Checkpoint Charlie eher anstrengend finden, schätzt Anna Lüpertz diese Offenheit. "Schließlich ist eine Galerie ein öffentlicher Raum."

Crone wird eine Auswahl an Arbeiten aus dem Künstlerfundus zeigen, dazu gehört der Star des Hauses Norbert Bisky, aber auch Marcel Odenbach, Amelie von Wulffen oder Hanne Darboven, die Grande Dame der manischen Zahlenkolonien. Tammen präsentiert mit Clemens Kaletsch, Jens Wohlrab und Michael Ramsauer drei unterschiedliche malerische Positionen. In beiden Fällen ist die Zusammenstellung repräsentativ für das Profil der Galerie. Seit Anfang des Jahres betreut die Galerie Barbara Thumm den Nachlass von Anna Oppermann (1940-1993), die bis zu ihrem Tod an der UdK lehrte. Zum Auftakt des "District"-Freitags wird die Künstlerin nun erstmals in der Marktgrafenstraße 68 ausgestellt. Bekannt wurde sie durch ihre wuchernden, raumgreifenden Installationen, die aus kleinteiligen, intimen Assemblagen bestehen. Seit gut einem Jahr "residiert" die Galerie Thumm nun in ihrem Plattenbau an der Markgrafenstraße. "Spannend, was sich hier entwickelt", sagt Mitarbeiter Ala Rcon. "Es ist sehr dynamisch, und je mehr Galerien sich hier ansiedeln, umso mehr Publikum schaut vorbei." "Ziemlich bunt" sei es oft an freitäglichen Vernissagen, da vermischen sich auf der Straße Kunstfans mit türkischen Hochzeitsgästen, die im "Gloria" nebenan zum Feiern kommen. Probleme habe es nie gegeben.

Jede Galerie kann teilnehmen

Ist das nun ein Gegenprojekt zum elitären Galerienführer "Index", der sich an den etablierten Kunsthändlern orientiert und kaum noch Neuzugänge in seinen Spalten zulässt? "Nein", sagt Bourouina. "Wir wollen alle Galerien in einem bestimmten Gebiet vorstellen. Wir haben keine Jury. Bei uns können alle mitmachen." Auch zum Gallery Weekend, dem Vernissagenmarathon, bei dem sich die Galerien für mehrere tausend Euro in ein VIP-Programm mit Sammler-Shuttleservice einkaufen, will man keine Konkurrenz sein. "Das wäre eine blöde Idee: Schließlich sind einige von unseren Galerien selbst beim Gallery Weekend dabei", sagt Bourouina. Und überhaupt: Es gibt keinen Limousinendienst für Sammler. Das Party-Catering übernimmt zwar Starkoch Tim Raue, der auf der Rudi-Dutschke-Straße sein neues Restaurant eröffnet - aber auch er kocht zum Freundschaftspreis. Die Pressemeldung haben die Galerien gemeinsam ausgetüftelt. Das klingt alles so schön demokratisch - irgendwie merkt man doch, dass Kreuzberg nicht Mitte ist.