"Wir nehmen Kinder nicht ernst genug"

"Alle Kinder dieser Welt" läuft seit Gründonnerstag in unseren Kinos. In dem humanitären Projekt, das in Zusammenarbeit mit Unicef entstand, zeigen acht Regisseure die harte soziale Realität ihrer jungen Protagonisten.

"Alle Kinder dieser Welt" läuft seit Gründonnerstag in unseren Kinos. In dem humanitären Projekt, das in Zusammenarbeit mit Unicef entstand, zeigen acht Regisseure die harte soziale Realität ihrer jungen Protagonisten. Julia Sturm hat mir vier von ihnen gesprochen.

Berliner Morgenpost: Was reizte Sie an diesem Episodenfilm? Geld haben Sie dafür kaum bekommen.

John Woo: Ich wollte immer etwas für Kinder zu tun. Doch in meinen Filmen standen sie nie im Mittelpunkt. Es war höchste Zeit, das zu ändern. Gleichzeitig genoß ich die absolute künstlerische Freiheit bei dem Projekt. In Hollywood hatte ich dieses Gefühl beinah vergessen.

Jordan Scott: Jeder hat doch eine Sehnsucht nach Kindheit. Und mit diesem Film konnte ich die Brücke zurückschlagen. Der humanitäre Anspruch war auch wichtig. Es gibt kein besseres Medium als Kino, um Menschen zu sensibilisieren.

Sind Filme wirklich dazu geeignet, Botschaften zu vermitteln?

Emir Kusturica: Sie sind dazu geeignet, die Probleme der Gesellschaft zu beleuchten und an unser soziales Gewissen zu appellieren. Was ist denn die Alternative? Reine Unterhaltung wie im Hollywood-Kino. Die ist doch nur ein Versteck vor unserer Realität. Ein Film wie "Alle Kinder dieser Welt" dagegen zerreißt diese schöne Oberfläche und legt den Finger in die Wunde.

Woo: Jeder meiner Filme verkörpert positive Werte. Dabei versuche ich nicht zu predigen, ich drehe einfach, was ich empfinde. Da ich starke Gefühle für bestimmte Themen habe, vermitteln meine Filme diese Vorstellungen implizit.

Katia Lund: Ich habe mir diese Frage gar nicht gestellt, ich wollte nur eine Geschichte erzählen. Für mich war entscheidend, daß wir im Kino häufig kein realistisches Bild von Kindern zu sehen bekommen. Sie sind ja viel stärker, als die meisten Erwachsenen denken. Das ist aber keine Botschaft, sondern Fakt.

Was macht Kinder zu idealen Kinohelden?

Lund: Sie verfügen über eine ungeheure Energie und Kreativität, die noch nicht von der Welt der Erwachsenen gebrochen ist.

Scott: Genau das habe ich auch bei meinen Darstellern gespürt. Die standen in ihrer Energie den erwachsenen Profis in nichts nach.

Woo: Eben weil meine Heldinnen noch etwas Unverfälschtes besitzen, schaffen sie es, Schranken zu überwinden. Wir reden alle darüber, daß wir die Kinder der Welt retten wollen. Aber letztlich haben sie die Fähigkeit, uns zu retten.

Kusturica: Abgesehen davon ist die Kindheit die Phase, in der wir die prägendsten Erfahrungen unseres Lebens machen. Das heißt, daß Kinder alles intensiver empfinden.

Was wollten Sie mit Ihrem Beitrag zu dem Film erreichen?

Woo: China macht gerade extreme Veränderungen durch, kulturell wie wirtschaftlich. Wir fragen uns nie, wie Kinder damit fertig werden. Ich wollte mich einmal in ihr Innenleben versetzen. Und habe gemerkt, daß sie mit diesen Veränderungen viel souveräner umgehen als viele Erwachsene. Trotzdem schauen wir auf sie herab.

Lund: Ich finde auch, daß wir Kinder nicht ernst genug nehmen. Genau dieses falsche Mitleid möchte ich zerstören. Meine beiden Hauptfiguren, die mit ihrem Handkarren Papier und Schrott sammeln, sind letztlich kleine Unternehmer, die ihren Lebensunterhalt verdienen. Der westliche Zuschauer sollte nicht in das typische Denken verfallen: "Oh diese armen Kinder in der Dritten Welt."

Kusturica: In Serbien haben viele Kinder schon Jahre im Gefängnis verbracht. Das Leben ist sehr hart, und wenn sie mal auf die schiefe Bahn kommen, begehen sie weitere Straftaten, um über den Winter im Gefängnis versorgt zu werden. Also eine Generation, für die die Gefangenschaft die angenehmste Daseinsform ist. Welche Auswirkungen das auf unsere Gesellschaft hat, wage ich mir gar nicht auszumalen.

Wie genau haben Sie Ihre Geschichten recherchiert?

Woo: Ich sprach mit vielen Kindern in Peking. Interessant war, daß Kinder aus ärmeren Schichten gut mit ihrem Dasein zurechtkommen, auch weil sie stark in ihre Familie eingebunden sind. Kinder aus wohlhabenden Familien dagegen bekommen nicht soviel Zuwendung. Ihre Eltern sind zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen.

Lund: Ich verbrachte einige Zeit mit einem Lumpensammler aus Sao Paolo. Es war faszinierend, wie er immer mehr Selbstbewußtsein entwickelte und sich mit seiner Aufgabe identifizierte. Das zeigte mir, daß unsere Entrüstung über scheinbar entwürdigende Aufgaben völlig deplaziert ist.

Kusturica: Ich hatte mich mit dem Thema schon früher beschäftigt und mit vielen jungen Straftätern darüber gesprochen.

Hat Sie die Arbeit an diesem Film auch persönlich verändert?

Woo: Ich habe selbst Kinder und dachte bislang, ich verstehe ihre Bedürfnisse. Aber seit diesem Film sehe ich die Welt noch viel intensiver aus ihrem Blickwinkel. Das ist bei der Erziehung sehr hilfreich.

Scott: Die größte persönliche Veränderung war, daß ich zum ersten Mal mit meinem Vater Ridley zusammenarbeitete. Und das lief so reibungslos, daß wir gleich danach noch ein gemeinsames Projekt machten. "Alle Kinder dieser Welt" hat mich meinem Vater noch näher gebracht. Das allein war es wert.