Ein Tanzteppich für Teheran

Wenn einer eine Reise macht, hat er was zu erzählen: Anja Gronau und Claudia Wiedemer, die 2005 für ihre "Grete" mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet wurden, gastierten kürzlich beim Teheraner "Fajir"-Theaterfestival.

Wenn einer eine Reise macht, hat er was zu erzählen: Anja Gronau und Claudia Wiedemer, die 2005 für ihre "Grete" mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet wurden, gastierten kürzlich beim Teheraner "Fajir"-Theaterfestival.

Theater-Gastspiele können tückisch sein. Besonders wenn sie im Ausland stattfinden. Das Deutsche Theater hat deshalb für die auf Festivals besonders gefragte "Emilia Galotti"-Inszenierung bereits eine Tournee-Variante gebaut: Wenn das Ersatz-Bühnenbild wochenlang per Schiff über den Ozean transportiert wird, kann das Erfolgsstück trotzdem in Berlin gespielt werden.

Von solch' paradiesischen Zuständen kann ein kleines Haus wie das Theater unterm Dach natürlich nur träumen. Als kürzlich das Ein-Personen-Stück "Johanna" zu dem renommierten "Fajir"-Theaterfestival nach Teheran eingeladen wurde, ging das Original-Bühnenbild mit auf die Reise. Per Flugzeug. Aber selbst dieses Transportmittel garantiert nicht immer Schnelligkeit. Als die Schauspielerin Claudia Wiedemer zur Probe kam, staunte sie nicht schlecht: keine Requisiten, nichts. Nur der Zensor saß da. "Wir waren geschockt", erzählt Regisseurin Anja Gronau. "Wir sollten zeigen, was Claudia anzieht, er wollte den Tanz sehen und ein paar andere Szenen." Beanstandet wurde nichts, was möglicherweise auch am Sujet lag: Denn die "Johanna", eine sehr freie Bearbeitung nach Schillers Drama, kann man durchaus als Gotteskriegerin sehen und insofern paßt das Stück sicher besser in den Iran als die "Grete" - mit der sie im Herbst in Chicago gastiert haben - oder das "Käthchen", die anderen Teile der Trilogie. Übrigens kam, nachdem auch die deutsche Botschaft eingeschaltet worden war, das Bühnenbild noch an - zwei Stunden vor der Teheraner Premiere!

Im Vorfeld hatten sich Anja Gronau und Claudia Wiedemer darüber unterhalten, wie sie sich bei möglichen Inszenierungseingriffen verhalten. "Wir hatten auch überlegt, ganz auf den Auftritt zu verzichten", erzählt die Regisseurin, die sich vor dem Abflug Gedanken über die korrekte Bekleidung gemacht hatte und dann in Teheran im Vergleich zu anderen Frauen "mit dem längsten Mantel" herumgelaufen ist. Es "war alles viel weniger streng, als wir gedacht haben", betont Claudia Wiedemer. In der Universität "liefen die Frauen in Jeans herum, die Haare hingen unter dem Kopftuch heraus". Die Schauspielerin stimmt traurig, daß im Rahmen der Berichterstattung über den Atomkonflikt "das ganze Volk diskreditiert wird". Und Anja Gronau fragt sich mittlerweile, was der Wahrheit näher kommt: ihre Erfahrungen vor Ort oder die Berichte in den Medien.

Vor einem Jahr haben die beiden für ihre "Grete", den dritten Teil der "Trilogie der klassischen Mädchen", den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost bekommen. Das hat auch zu zahlreichen Gastspielanfragen geführt. Die in Sankt Petersburg mußten sie allerdings aus finanziellen Gründen absagen, weil sie die Reisekosten nicht erstattet worden wären. "Es ist schön, eine so kostbare Arbeit regelmäßig spielen zu können", sagt Claudia Wiedemer, die als Grete mittlerweile über 70 Vorstellungen gespielt hat. Das ist für die Off-Szene eine sehr beachtliche Zahl. Von heute an (und vom 17. bis zum 19. Mai) läuft die Trilogie wieder im Theater unterm Dach (Danziger Straße 101, 20 Uhr, Karten unter der Telefonnummer 902 95 38 17).

Die "Grete" hat mittlerweile auch das Staatsschauspiel Hannover einmal im Monat auf dem Spielplan: "Das ist immer ein echter Luxus, da muß ich mich einmal nicht selber um das Kostüm kümmern oder den Plattenspieler reparieren", schwärmt Claudia Wiedemer. Diese Erfahrung wird sie auch im Sommer machen. Dann spielt sie - unter anderem mit Axel Prahl - unter der Regie von Dominique Horwitz bei den Bad Hersfelder Festspielen in der "Dreigroschenoper". Claudia Wiedemer "will nicht unbedingt fest an ein Haus engagiert werden", aber das Maxim Gorki Theater unter dem neuen Intendanten reizt sie: "Ich würde gern mit Armin Petras arbeiten."

Wir müssen trotzdem noch einmal auf Teheran kommen. Denn auch bei der Rückreise gab es Probleme mit dem Bühnenbild. Beim Zoll. Anja Gronau hatte iranischen Theatermachern den "Tanzteppich" geschenkt. Vielleicht hätte sie einen Perser kaufen sollen, damit die Ein- und Ausfuhrpapiere wieder übereinstimmen.