"Keinerlei Aufrechnung"

Die bisher teuerste Produktion des deutschen Fernsehens handelt von einer apokalyptischen Katastrophe: Mehr als zehn Millionen Euro hat das ZDF in Roland Suso Richters Zweiteiler "Dresden" über die Zerstörung der Stadt 1945 gesteckt.

Die bisher teuerste Produktion des deutschen Fernsehens handelt von einer apokalyptischen Katastrophe: Mehr als zehn Millionen Euro hat das ZDF in Roland Suso Richters Zweiteiler "Dresden" über die Zerstörung der Stadt 1945 gesteckt. Zu den beratenden Historikern zählte Hans Mommsen. Mit dem 75jährigen, der zu den weltweit führenden NS-Experten zählt, sprach Sven Felix Kellerhoff.

Berliner Morgenpost: Ist eine fiktive Liebesgeschichte wie in "Dresden" ein geeignetes Mittel, dem Publikum das Bombardement am 13. und 14. Februar 1945 nahezubringen?

Hans Mommsen: Ich halte es für einen Vorzug, die Schilderung des Untergangs von Dresden mit einer fiktiven Filmhandlung zu verbinden - auch wenn man deren Plausibilität in einigen Punkten bezweifeln kann. Denn durch dieses Vorgehen wird dem Zuschauer ein Identifikationsangebot gemacht, das es leichter macht, die inhaltlichen Zumutungen des Themas zu ertragen. Vor allem halte ich es - im Unterschied zu einer ganzen Reihe zeitgeschichtlicher Spielfilme der jüngsten Zeit - für einen Vorzug, gerade nicht den Anspruch auf historische Authentizität zu erheben und eine sich sonst aufdrängende systematische Dokumentation zu vermeiden.

In Richters Film verbrennen und ersticken unzählige ganz normale Zivilisten, werden zerfetzt oder erschlagen - sie sind Opfer einer unmenschlichen Kriegsführung. Als Jörg Friedrich 2002 die Leiden der Zivilbevölkerung im Bombenkrieg ähnlich beschrieb, schlug ihm viel Kritik entgegen. Was unterscheidet "Dresden" von dem Buch "Der Brand"?

Jörg Friedrich diskutierte offen die Motive und Illusionen der alliierten Seite; sein Buch war zugleich der Versuch, eine Gesamtbilanz zu ziehen. "Dresden" vermeidet jeden Ansatz einer Aufrechnung, stellt vielmehr den Gedanken der Ablehnung des Krieges als Mittel der Politik in den Vordergrund. Mit der stark komprimierten Wiedergabe der Meinungsverschiedenheiten im britischen "Bomber Command" über die Zweckmäßigkeit der Zerstörung Dresdens spricht der Film den Aspekt der Rechtmäßigkeit des Vorgehens nur indirekt an. Die gleichzeitige Schilderung der Durchhaltepropaganda des NS-Regimes, aber auch des Gestapo-Terrors schafft ein Gleichgewicht.

Das Frühjahr 1945 war nicht nur durch die alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte eine überaus dramatische Zeit...

Der Film bildet die Verhältnisse in diesen letzten Kriegswochen treffend ab: den endlos scheinenden Zug der Flüchtlinge und die schlechte Versorgung der Zivilbevölkerung. Das Schicksal der von der Deportation bedrohten Juden in "privilegierter Mischehe" und die Unmöglichkeit, die von der nahenden Ostfront nach Dresden gelangenden Verwundeten medizinisch zu versorgen. Den Wechsel von der Faschingsfreude zum Inferno des Bombenangriffs. Die Standgerichtsbarkeit, aber auch die Mentalität des verantwortlichen Gauleiters Mutschmann, der noch immer auf den "Endsieg" durch "Wunderwaffen" setzt und die sich ausbreitende Korruption repräsentiert. So entwirft Roland Suso Richter ein eindrucksvolles Panorama der späten NS-Zeit.

Wie ist, mehr als zwei Generationen danach, die britische Entscheidung zum Flächenbombardement zu beurteilen?

Die grundsätzliche Bewertung der von Arthur Harris durchgesetzten Luftoffensive ist, soweit sie bewußt die Zivilbevölkerung traf, bis heute strittig. Es gab ja auch damals gewichtige Argumente gegen die Bestrebung, die deutsche Bevölkerung zu demoralisieren und so zur Kriegsbeendigung zu zwingen. Das war in doppelter Weise illusionär: Einerseits konnte der durchschnittliche Volksgenosse nicht, wie Churchill einmal mit Blick auf das Ruhrgebiet sagte, sich dem Bombenkrieg einfach entziehen, indem er die bedrohten Zonen verließ; der Gedanke daran, das Regime von innen stürzen zu können, ergab sich jedenfalls für ihn nicht. Zum andern verstärkten die Bombardements gerade bei der Arbeiterschaft den Durchhaltewillen.

"Dresden". ZDF, 5. und 6. März, jew. 20.15 Uhr; Dokumentation zum Luftkrieg, ZDF, heute und 7. März, jew. 20.15 Uhr