Fotografisches Spiel mit Wahrheit und Mythen

New York, London und Paris. Das sind die Metropolen, mit denen in den größenwahnsinnigen neunziger Jahren Berlin von Stadtmarketing-Profis und Immobilien-Strategen gerne automatisch auf eine Stufe gestellt wurde.

New York, London und Paris. Das sind die Metropolen, mit denen in den größenwahnsinnigen neunziger Jahren Berlin von Stadtmarketing-Profis und Immobilien-Strategen gerne automatisch auf eine Stufe gestellt wurde. Doch wie so oft sieht die Wirklichkeit anders aus: Löcher zieren Etat und Asphalt, die Industrie liegt brach.

Höchste Zeit also für einen realistischeren Blick, der vielleicht mehr mit den Risiken, Nebenwirkungen und Folgekosten der städtebaulichen Moderne und Überlebensstrategien im informellen Sektor zu tun haben könnte - wie sie beispielsweise in Brasilia und Bangkok zu finden sind. Weswegen der im Berliner Extra Verlag erschienene Fotoband "Brasilia Bangkok Berlin" mit seinen 90 Schwarzweiß-Abbildungen auch gut in die neue, nüchternere Zeit nach dem Hype paßt. Ergänzt werden sie allerdings, anders als sonst bei ähnlichen Veröffentlichungen üblich, nicht von intellektuellen Essays über Urbanität im Zeitalter der Globalisierung. Statt dessen formuliert Verleger Peter K. Koch einen "poetisch-polemischen Anspruch" und will durch den Abdruck von im Internet gefundenen, "nicht immer den Fakten entsprechenden Aussagen" so etwas wie "ein Gefühl für die Verschiedenheit und Komplexität" erzeugen und in der Grauzone von Wahrheit und Mythos ein "offenes künstlerisches Gesamtbild" zeigen. Was Stephanie Kloss (Brasilia), Heidi Specker (Bangkok) und Florian Braun (Berlin) auch gelingt.

Von Oskar Niemeyers Brasilia ist zu erfahren, daß diese Hochleistung rationaler Modernität unter religiösen Fanatikern beliebt ist. Im vermeintlich asiatisch-spirituellen Bangkok werden "prunkvolle religiöse Feste" den harschen Beton-Trassen der Gegenwart gegenübergestellt. Und Berlin? Nun ja: Wenn hier irgendwo Straßenarbeiter einen Fahrradweg auseinander nehmen und wieder zusammen setzen, sieht es hinterher aus wie kubistische Kunst.

Ausstellung: Galerie Laura Mars, Sorauer Str. 3, Kreuzberg. Tel.: 61 07 46 30. Bis 17. 3., Di - Fr 12 - 19 Uhr. Buch: "Brasilia Bangkok Berlin", 192 S., 90 s/w-Abb., Extra Verlag, 20 Euro.