Musik

"Man muss den Schrott erkennen"

Rolf Kühn war der erste deutsche Jazzmusiker, der nach dem Krieg für längere Zeit in die USA ging und dort nennenswerte Erfolge hatte. Er spielte u.a. zwei Mal beim Newport-Festival, leitete Benny Goodmans Band und nahm ein Album für die wegweisende Plattenfirma "Impulse" auf.

Zum 80. Geburtstag des in Berlin lebenden Klarinettisten sind eine CD (Rolf Kühn & Trio: Close up/Jazzwerkstatt) und ein Buch (Maxi Sickert: Clarinet Bird/Broecking Verlag) erschienen. Mit Rolf Kühn sprach Josef Engels.

Berliner Morgenpost: Woher haben Sie den Mut genommen, 1956 als deutscher Jazzmusiker in die USA zu gehen?

Rolf Kühn: Es war purer Leichtsinn. Jeder hat mich für verrückt erklärt, ich habe hier ja gut verdient. Ich war lange im Rias-Tanzorchester beschäftigt, bei Werner Müller, es war eine gute Schule, weil täglich neues Material aufs Podium kam. Und man konnte sich anhören, was man gemacht hat, weil es aufgenommen wurde.

Berliner Morgenpost: Haben die deutschen Radio-Big-Bands zur Entnazifizierung beigetragen?

Rolf Kühn: Glaube ich schon. Es wurden ja sogar Platten für Amerika produziert. Die sogar sehr erfolgreich waren. Ich sage nur: Als ich ankam in New York und im Hotel Paramount das Radio andrehte - was lief da? Eine Aufnahme von uns. Ich wäre am liebsten gleich in die Maschine gestiegen und wieder zurückgeflogen.

Berliner Morgenpost: Sie sind geblieben. Wie haben die Amerikaner auf Sie reagiert?

Rolf Kühn: Haben Sie mal etwas vom Small's Paradise gehört? Das ist der älteste Jazz-Club New Yorks. Ich sollte dort mit meinem Quartett spielen. Als ich da reinkam, dachte ich: Das kann ja was werden! Die ganzen schwarzen Schwergewichtler, mürrisch, schlecht gelaunt, Nutten, Zuhältertypen, alles ganz schrecklich. Wir sollten da 14 Tage spielen. Und blieben vier Wochen. Das habe ich als Kompliment aufgefasst!

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie überhaupt an den Jazz herangekommen?

Rolf Kühn: Das ergab sich, als ich 16 war. Mein Klarinettenlehrer in Leipzig hätte mich am liebsten im Gewandhaus-Orchester gesehen, wo er 35 Jahre gesessen hat. Und genau das wollte ich nicht. Ich spielte in einem Club, und eine junge Dame kam rein. Ganz aufgetakelt, knallrote Haare bis zum Po, ein rotes Käppi, auffällig geschminkt - die passte überhaupt nicht in die Nachkriegszeit. Es war die Pianistin Jutta Hipp, die ja auch in die USA gegangen ist und die erste deutsche Musikerin bei Blue Note wurde. Sie sagte: Du spielst ja ganz nett, aber besuch mich mal, ich habe da eine Platte. Es war "Hallelujah" von Goodman. Ich muss gestehen: Ich kannte Benny Goodman damals noch nicht mal vom Namen. Ich war fasziniert. Ich wusste: Das ist es, was ich wirklich können will.

Berliner Morgenpost: Und ein paar Jahre später spielten Sie mit ihm...

Rolf Kühn: Er konnte sehr kalt und unpersönlich sein. Mich mochte er aus irgendeinem Grunde, vielleicht, weil ich Europäer war, vielleicht wegen meiner jüdischen Mutter. Ich war der einzige Musiker, der bei ihm zu Hause eingeladen war.

Berliner Morgenpost: Wie war es denn bei ihm privat?

Rolf Kühn: Reizend. Er war richtig väterlich. Auch, nachdem ich zurück nach Deutschland gegangen bin, telefonierten wir regelmäßig. Wir haben dann über die neusten Sachen geredet, über das, was ich gerade mache.

Berliner Morgenpost: Was hat er denn zu Ihrer Entwicklung gesagt - schließlich haben Sie sich ja in Richtung Free Jazz und Jazzrock entwickelt...

Rolf Kühn: Er zeigte sich sehr interessiert. Fand er hoch spannend.

Berliner Morgenpost: Sie sind konsequent bei der Klarinette geblieben, obwohl sie nach der Swing-Zeit nicht gerade das angesagteste Jazz-Instrument war?

Rolf Kühn: Ich habe irgendwann festgestellt: Wenn man richtig gut sein will, muss es bei diesem einen Instrument bleiben. Und dann habe ich mit einem Schlag alle meine Saxofone verkauft und auch die Bassklarinette. Man spürt es auch, wenn ein hauptsächlicher Saxofonist Klarinette spielt. Da fehlt etwas. Der Ton ist ein anderer.

Berliner Morgenpost: Was zeichnet den Klarinetten-Ton denn aus?

Rolf Kühn: Sicherlich die Wärme. Aber es gibt noch etwas anderes, was wichtig ist: Wenn man mit starken Rhythmusgruppen arbeitet, muss man sich durchsetzen können. Ein Trompeter oder ein Tenorsaxofonist kommen da ja spielend durch. Mein Ziel war es immer, mit der Klarinette von der Intensität und der Lautstärke her dagegen halten zu können. Dass man diese innere Freiheit hat, diese Biegsamkeit. Die Klarinette ist ja ein eher steifes Instrument.

Berliner Morgenpost: Verraten Sie bitte Ihr Geheimnis: Wie bleibt man so cool?

Rolf Kühn: Na ja, eigentlich bin ich ja sehr emotional! Aber ich ahne, was Sie meinen. Man muss die Gabe haben, den Schrott zu erkennen. In der freien Musik können sich viele verstecken, die in Wirklichkeit keine guten Spieler sind. Für mich selbst bekomme ich nur Sicherheit, wenn ich gut im Training bin. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen drei oder vier Wochen nicht spielen könnte - wäre die Coolness weggeblasen. (lacht)