Vorhang auf für Tom Gäbel

Gesanglich, sagt Tom Gäbel, habe ihm Robbie Williams' Sinatra-Tribut überhaupt nicht gefallen. Ganz schön anmaßend, könnte man meinen. Doch wenn sich Tom Gäbel etwas rausnehmen darf, dann das: über die Qualität von Sinatra-Nachahmern urteilen. Es gibt ja derzeit einige junge Männer, die mit Schwerenöter-Swing und Rat-Pack-Charme Erfolge feiern. Aber Jamie Cullum hin, Michael Bublé her - nur einer kann Frankieboy stimmlich das Whiskeyglas reichen. Und das ist Tom Gäbel, der vor 30 Jahren in Gelsenkirchen das Licht der Welt erblickte und im westfälischen Ibbenbüren aufwuchs.

Das deutsche Fernsehpublikum konnte sich von Gäbels Kunst überzeugen, als der Sproß eines Realschullehrerpaars im Frühjahr anläßlich von Stefan Raabs "TV total Jazz Night" den Kölner Entertainment-Metzger und seinen Soul-Abiturienten Max Mutzke nonchalant an die Wand sang, mit diesem belegten Bariton und dieser rhythmischen Laid-Back-Haltung, die - oft kopiert und nie erreicht - nur Sinatra zueigen war.

Gerade ist Tom Gäbels Debüt-CD erschienen. "Introducing: Myself" (Edel) heißt sie, und das einzige, was Probleme mit der Plattenfirma auslöste, war der Doppelpunkt im Albumtitel. Keiner habe so richtig verstanden, was der eigentlich soll, erzählt der junge Sänger, "aber für mich war er die Essenz". Will meinen: das nötige Distanzierungssignal, mit dem man sich Kitsch und Pathos vom Leibe hält und die Hoppla-hier-komm-ich-Attitüde ironisch bricht.

Auf "Introducing: Myself" wird kräftig aufgefahren. Man hört eine pralle Big Band und ein süffiges Streichorchester. Man vernimmt mitunter alte Heuler wie das "Love Story"-Titelthema oder den Ballon-Schlager "Up Up and Away". Aber es klingt alles ungemein charmant. Was an Gäbels Stimme liegt, die wetterfest und trocken jeglicher Larmoyanz vorbeugt.

"Vollkommen ernsthaft kann ich nicht sein", sagt der 30jährige. Man will es gar nicht so recht glauben, wenn man ihn im Interview mit seinem akkurat frisierten Blondhaar und seinem graublauen BWLer-Hemd hinter der Espresso-Tasse in der Paris Bar sitzen sieht. Aber Tom Gäbel hat es faustdick hinter den Ohren. In seinem Lebenslauf ist er unter anderem als "Autor, Komponist und Hauptdarsteller" eines ominösen Musicals namens "Sieben Fäuste hauen das Böse" aufgeführt. Oder als Mitglied der Ibbenbürener Spaßband Goresaw. 18 war Gäbel damals, und das Singen war für den Schlagzeuger, Posaunisten und Queen-Fan eher ein Gag. "Ich dachte immer, daß sich meine Stimme dazu gar nicht eignet. Weil ich immer nur Pop- und Rockmusik gehört habe, wo die alle viel höher singen."

Erst beim Jazz-Studium in den Niederlanden kam der Westfale auf die richtige Spur. Ein Kommilitone und WG-Mitbewohner erwischte Gäbel dabei, wie er heimlich Sinatra-Lieder vor sich hinsummte. Ob er nicht mehr aus seiner Stimme machen wolle, fragte der Kollege. Warum nicht, sagte sich Gäbel. Er ließ Schlagzeug und Posaune liegen und schrieb sich am Konservatorium in Amsterdam für Gesang ein. Schon kurze Zeit später gehörte er als Vokalist der von Peter Herbolzheimer geleiteten Talentschmiede des deutschen Bundes-Jugend-Jazz-Orchesters BuJazzO an. Bei einer Konzertreise des Elite-Ensembles war es auch, daß Gäbel beim Zappen durch die Kanäle des Hotelfernsehers auf eine eigenartige Sendung stieß: ein gewisser Robbie Williams stellte in der Londoner Royal Albert Hall seine CD im Gedenken an Frank Sinatra vor. "In diesem Moment dachte ich: Schade, da ist dir wohl jemand zuvorgekommen", erinnert sich Gäbel. Und fügt mit einem Grinsen hinzu: "Im Grunde hat mir Robbie Williams aber eigentlich nur geholfen." Weil seitdem alle wieder wild auf Swing sind. Selbst die, die normalerweise nur Schimpf-HipHop oder Stampf-Techno hören. Einige davon haben sich schon auf Gäbels Homepage ( www.tom-gaebel.de ) verewigt.

Ob es auf lange Sicht ein Fluch oder ein Segen für Tom Gäbel ist, daß er diese Sinatra-Stimme hat, läßt sich nicht sagen. Immerhin: auf seiner ersten Platte, die er am 22. Februar in der Berliner Kalkscheune vorstellt, finden sich auch drei eigene Stücke, die eher dem Pop der Gegenwart verpflichtet sind. Ohne Zweifel verfügt der Bursche mit dem George-Peppard-Gesicht über ein altersmäßig weit gestreutes Publikum. "Ich finde es gut, wenn Omas mit ihren Enkeltöchtern zu meinen Konzerten kommen. Man unterhält sich nett mit den Omas, um Eindruck bei den Enkeltöchtern schinden zu können." Momentan ist das alles doch eher ein Segen für Tom Gäbel.