Guttenberg reitet auf einer Welle der Emotionen

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Das Weihnachtsoratorium ist nicht schön. Eher bewegend, fesselnd, aufrüttelnd. Schließlich geht es um das Wunder der Geburt Jesu. Da muß einem doch der Atem stocken, findet Enoch zu Guttenberg. Wer in sein Konzert geraten war, um einfach nur Bachs schöne Musik zu genießen, hat vielleicht das Staunen gelernt. Aus der Fülle glattgestrichener Interpretationen hebt sich seine durch hohen emotionalen Wellengang hervor.

Das Wort steht im Mittelpunkt. Daran läßt die Chorgemeinschaft Neubeuern keinen Zweifel. Mit andächtigem Flüstern, scharf akzentuiertem Bekenntnis oder volksliedhafter Inbrunst geben die Sänger jedem Choral eigene Farbe. Mit einer kleinen Zäsur setzen sie ein stummes Ausrufezeichen hinter die Worte "Schaut hin". Solche Momente sind ungewöhnlich intensiv.

In vier Jahrzehnten hat Enoch zu Guttenberg aus einem Dorfchor ein international respektiertes Ensemble gemacht. Etwas von ihrer dörflichen Identität haben sich die Sänger aber bewahrt - ganz abgesehen vom Trachtenflair ihrer Chorkleidung. Man spürt Wärme, Herzlichkeit, Anteilnahme. Die Leute aus Neubeuern meinen, was sie singen.

Das Orchester der Klangverwaltung folgt ihnen aufs Wort. Guttenbergs handverlesenes Ensemble hört mit gespitzten Ohren auf den Chor und die vier famosen Solisten Anna Korondi, Gerhild Romberger, Marcus Ullmann und Olaf Bär. Guttenberg hat viel von dem legendären Karl Richter und den Pionieren der historischen Aufführungspraxis gelernt. Elektrisierend wirken die stimmige, kontrastreiche Dramaturgie und die liebevolle, plastische Ausgestaltung. Das gilt nicht nur für das Weihnachtsoratorium, sondern auch für das vorangestellte Magnificat mit den vier eingeschobenen Weihnachtssätzen.

Guttenberg schüttelt das Ausdruckskaleidoskop zwischen überirdischem Leuchten und entrückt schwebendem Dämmerklang. Scharfe Akzente stehen neben weichgezeichneten Konturen, sprudelnde Festfreude neben stillem Gebet. Die Trompeten strahlen nicht einfach, sie können auch unerhört leise und innig flehen. Die Continuo-Instrumente mischen sich lebhaft ein. Nichts ist nebensächlich an diesem hellwachen Abend.

Martina Helmig