Der Grenzgänger

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Gisela Sonnenburg

Er hat diese napoleonische Aura, die nur Männer unter 1,80 m haben. Tatsächlich ist der Kunsthistoriker und Kurator Eckhart Gillen eine Art Eroberer: Als er sein Spezialgebiet wählte - Kunst aus Osteuropa und der DDR - war dieses in der westlichen Bilderbranche ein fast unbeackertes Feld: "Ich war neugierig, wollte wissen, was sich hinter dem Eisernen Vorhang abspielt." Die jüngste Arbeit des Pioniers: die Bernhard-Heisig-Schau "Die Wut der Bilder", die noch bis zum 29. Januar im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist.

Der Titel habe sich im Gespräch mit dem ob seiner Politerfolge in der DDR umstrittenen Altmaler ergeben, sagt Gillen und wehrt charmant ab, daß das sinnliche Zitat ihm, also Gillen, zu verdanken sei. Auch aus seinem Credo spricht der dienende Wissenschaftler: "Ein Kurator ist kein Künstler." Obwohl man eine Menge Talente braucht, um aus einem Haufen Gemälde eine Ausstellung zu machen. Eckhart Gillen, 1947 als Sohn eines Feuilletonisten in Karlsruhe geboren, begann damit 1975: Für die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst stellte er Kölner Maler in Berlin vor, profilierte sich so für seine Position beim Museumspädagogischen Dienst. Die Vermittlung zwischen den deutschen Teilstaaten machte Gillen sich dann rasch zur Aufgabe, bekam nach dem Mauerfall auch den "Einheitspreis" dafür. 1986 allerdings erhielt er wegen seiner Zeitschrift "Niemandsland" erst mal Einreiseverbot in den Arbeiter- und Bauernstaat. Grenzgänger schmuggelten deshalb für ihn Manuskripte von Ost nach West.

Und zuvor hatte Gillen einmal Bilder des damals von der SED bereits verfemten Malers A. R. Penck quer durch die halbe DDR zu einer illegalen Privat-Ausstellung kutschiert. Der Dramatiker Heiner Müller saß mit im Auto - und lenkte die Volkspolizisten mittels Stalin-Bildchen in seinem Ausweis ab. Ein Spiel mit dem Feuer: Eckhart Gillen hätte verhaftet werden können.

So viel Mut für die Kunst - ist das nicht übertrieben? Für Gillen keineswegs: "Malerei entfaltet eine Kraft, die nicht mal der Film hat. Der geht vorüber, aber vor einem Bild kann man stehenbleiben. Wobei ein einziges Bild soviel sagen kann wie ein ganzer Film." Deshalb gelte auch für die Heisig-Ausstellung: "Die Bilder sollen sprechen."

Zumal der versierte Bilderversteher einer der wenigen wirklichen Heisig-Kenner ist, der nicht in DDR-Seilschaften verwickelt ist: Er promovierte über den Meister, der zwar in der Tradition von Otto Dix und George Grosz steht, an dem aber zugleich der Stellenwert der Kunst in der DDR deutlich wird.

Mit einem Rahmenprogramm lädt Gillen denn auch dazu ein, die politischen Aspekte in Heisigs Anti-Kriegs-Kunst zu diskutieren: Einerseits sträuben sich die Bilder mit collagehaften Überlagerungen, zum in der DDR üblichen "Sozialistischen Realismus" zu gehören, andererseits prangern sie die Brutalität vergangener Gesellschaften an. Aber obwohl sie Auftragsarbeiten für das Regime waren, findet sich auch versteckte Kritik am DDR-System: So ist der posaunenblasende Narr, der als Leitmotiv Heisigs Geschichtspanoramen ziert, der typische Büttel einer heuchlerisch regierenden Politfraktion.

Am Herzen liegt Gillen jetzt noch die Vollendung der Finanzierung der "Wut der Bilder": Dazu müssen Grafikmappen von Heisig verkauft werden - neben Gillens Katalog und Begleitband einmalige Souvenirs.

Martin-Gropius-Bau, Stresemannstr. 111: Eckhart Gillen und der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg über "Malerei zwischen Staatsauftrag und Eigensinn". 17. November, 20 Uhr. Eintritt frei