Das "Archiv der Gegenwart" weicht dem Fortschritt

Der digitale "Fortschritt" hat ein weiteres, einst prominentes Opfer gefordert: Nach 73 Jahren ist das "Archiv der Gegenwart", gegründet 1931 als "Keesings Archiv der Gegenwart", mit der Lieferung über den Dezember 2004 eingestellt worden. Das gab jetzt der Siegler-Verlag bekannt. Damit heißt es Abschied nehmen vom letzten deutschsprachigen Werk in der Tradition der Geschichtskalender. Für das "AdG" wurde aus veröffentlichten Quellen, vor allem aus überregionalen Zeitungen und offiziellen Regierungsorganen, beinahe Tag für Tag ein weltweites Zeitgemälde kompiliert. Jeder, der sich mit Zeit- oder Pressegeschichte beschäftigt hat, kennt die charakteristischen Siglen des AdG, dessen Seiten von der ersten Ausgabe bis zur letzten durchgezählt und mit Buchstaben weiter aufgegliedert wurden. Mit 47 220 A endet nun die (archivierte) Gegenwart.

Zuletzt hielten, verursacht durch die Geldnot öffentlicher Bibliotheken und entsprechende Abbestellungen, nur noch halb so viele Abonnenten wie nötig dem AdG die Treue. Viele Kunden aus der Wirtschaft sind schon vor Jahren auf andere Dienste umgestiegen. Vielfach sind die für den schnellen Gebrauch nützlicheren Online-Datenbanken an die Stelle der AdG-Lieferungen getreten.

Am Ende konnte auch die seit einigen Jahren angebotene digitale Variante des AdG auf CD den Abonnentenschwund nicht mehr aufhalten - zumal sie immer noch etwas länger brauchte als die Papierversion. Die letzten wenigen hundert Silberscheiben enden daher mit dem Jahrgang 2003; sie werden demnächst wahrscheinlich deutlich günstiger als zum Originalpreis (550 Euro) verkauft werden.

Für das Jahr 2004 wird es nach Mitteilung des Verlages keine digitalisierte Version mehr geben. Anstelle des sorgfältig gesiebten und seriös aufbereiteten Wissens des AdG tritt nun also endgültig die Informationsflut des Internets. Man muß das nicht unbedingt für einen Fortschritt halten.

sfk