Rigoletto

Eine Tragödie im Clownsland

Mitunter gibt es auch noch in der Oper Überraschungen, mit denen keiner rechnen durfte. Die Komische Oper zeigte "Rigoletto" von Barrie Kosky. Immerhin aber mit der Musik von Verdi, wenn die auch nicht immer gegen die Inszenierung aufkam. Kosky erfand die Oper von der tyrannischen Vaterliebe zur verführten Tochter als einen immerwährenden Albtraum, einzig unterbrochen von Clownerien.

Er entwarf einen Hexentanzplatz der Eitelkeiten, der Wichtigtuereien, der Rachegelüste, der Heimtücke und kurbelte damit gnadenlos die Aufführung hoch. Einige Sänger blieben dabei zeitweilig auf der Strecke.

Kosky sät finstere Visionen

Am Ende jubelte man der Aufführung lauthals zu. Nur für Barrie Kosky, den zukünftigen Intendanten des Hauses, gab es das herkömmliche Buh. Das aber war auch schon das einzig Herkömmliche an diesem Verdi und das Publikum gleichermaßen tyrannisierenden Opernabend. Kosky servierte kein Schmuseglück. Er ging aufs Ganze: Er säte finstere Visionen, Wagemut, Spannung - die drei theatralischen Herrlichkeiten, die sich inzwischen rar in der Oper machen.

Natürlich übersah Kosky (fleißig und furchtlos) Verdis Ziele bei der Niederschrift seiner Oper, die an der Spitze der Meisterwerke seiner mittleren Periode steht. Verdi befreite mit ihr das italienische Musikdrama aus den herkömmlichen Zwängen der Tändelnummern: der Rezitative, Arien, Duette, Terzette - und schloss sie zu größeren Einheiten zusammen. Er gewann der Überlieferung damit neuen Ernst, größere dramatische Durchschlagskraft. Kosky übernahm es, sie einzufinstern.

Alice Babidge hat Dekor und Kostüme erfunden: ein neutrales, angeknittertes Rund, das im Scheinwerferlicht mitunter die Farben wechselt. Vor ihm hopsen Scharen von Clowns herum, die manchmal sogar zu Menschen degenerieren: zu Höflingen, hemdärmelig, auch in Jeans. Aus dem Herzog von Mantua ist ein reicher Fritze von höchster Gleichgültigkeit geworden, der sich offenbar einzig feste darauf versteht, Feste zu feiern. Seine Jammer-Arie über den Verlust Gildas, von den Höflingen entführt, macht dabei wenig Sinn.

Doch die Anhänglichkeit Gildas, die selbst im Anblick seiner Techtelmechtel noch am Herzog hängt, wird deutlich erklärt. Gilda ist schwanger. Das ist eine ganz neue Überlegung, und sie ist mörderisch. Sparafucile sticht das Mädchen mit rasenden Messerstichen im Auftrag des Vaters ab, der für sein Geld ein ganz anderes Opfer forderte: das Leben des Herzogs. "Rigoletto" degeneriert bei Kosky zu einer Horrorkomödie der Verwechslungen. Man kann sie, mit einigem Schlucken, natürlich auch eine Tragödie im Clownsland nennen.

Das ist amüsant anzusehen. Man fühlt sich weniger in der Komischen Oper als im Circus Krone. Wendigkeit triumphiert. Immer erneut verschwindet die Opernbelegschaft in zahlreichen Versenkungen und taucht unerwartet, von einer schwarz dahinwedelnden Riesengardine verborgen, wieder auf in den denkbar verschrobensten Kostümen. Mal feixen riesige Pappköpfe in den Saal. Dann ist die Zeit für das Herumtanzen und Beckenschlagen gekommen.

Eine Leiche, die zu singen vermag

Erinnerungen an den großen Entfesselungskünstler Houdini, der nun wirklich in Verdis "Rigoletto" nichts zu suchen hat, werden beschworen. Gilda haust eingesperrt in einer Wohnung von schmalem Wandschrankformat. Später zerrt sie der Vater blutüberströmt als Leichenbündel, das aber immerhin noch zu singen vermag, aus einem kofferähnlichen Kasten. Es abenteuert ringsum.

Musikalisch kommt dieser "Rigoletto" jedoch nur zögerlich in Fahrt. Das Orchester zeigt sich anfangs eher matt, obwohl sich der junge Patrick Lange am Pult Hals über Kopf buchstäblich in die Interpretation hineinschmeißt. Er findet wenig Echo im Graben. Erst allmählich wächst das Instrumentalensemble zusammen. Aber auch das Vokalensemble braucht seine Zeit, aneinander zu wachsen. Freilich gelingt das nicht allen.

Den Vogel schießt Julia Novikova als Gilda ab. Sie zeigt ihre vokalen Fähigkeiten deutlich vor. Sie kann sich offenbar selber an der eigenen Virtuosität berauschen. Je höher es hinaufgeht, umso funkelnder wird ihr Sopran. Anrührend wird sie freilich erst im Sterben. Vorher hat ihr die Regie ein herumhüpfendes Teenagertum aufgebürdet, von dem Verdi überhaupt nichts weiß.

Neben ihr vermag mit der Zeit auch Bruno Caproni in der Titelrolle zu bestehen. Anfangs, in ein riesiges Abendkleid gesteckt, das unter seinen blitzenden Stoffmassen Freunde wie Feinde verschlingt, findet er in der Folge, vor allem in seiner großen Vaterszene im 3. Akt, zu einer Ausdrucksintensität, die zu fesseln vermag. Sie bleibt Hector Sandoval, dem Herzog, leider vorenthalten.

Als der mörderische Sparafucile im weißen Smoking wie als verfluchender Graf Monterone gewinnt sich Dimitry Ivashshenkos gepflegter Bass Aufmerksamkeit. Die Aufführung kann sich nicht immer mit Entzücken hören lassen. Was sie aber rundum auszeichnet, ist eine hieb- und stichfeste Originalität. Sie ist ganz einfach sehenswürdig.

Komische Oper , Behrenstraße 55-57, Mitte. Tel. 47 99 74 00. Termine: 26., 30. September; 4., 14., 18. Oktober.

Rigoletto +++--