Unter den Wolken: Reinhard Mey erzählt

Leidensdruck gehört zu den wichtigsten Antriebsfedern der Kunst. Deshalb schreiben glückliche Menschen selten wirklich gute Bücher. Reinhard Mey ist ein glücklicher Mensch, schon seit seiner Kindheit, den unglaublich verständnisvollen Eltern zum Dank. Auf beneidenswerte Weise scheint der Mann mit sich, seinen Mitmenschen und der Welt im Reinen. Was nicht heißt, daß er alles kritiklos hinnimmt. Er kann auch richtig zornig werden. Nur merkt das meistens keiner.

Der Berliner Liedermacher, der schon 1964 auf der Burg Waldeck wie Orpheus sang, etablierte mit Songs wie "Über den Wolken" oder "Gute Nacht, Freunde" in Deutschland ein neues deutsches Liedgut abseits jeder Schlagerseligkeit. Er hat sich so charmant wie trotzig seine Individualität bewahrt und bewiesen, daß auch unter den Wolken die Freiheit grenzenlos sein kann.

Dieser grenzenlos glückliche Reinhard Mey, der trotz seiner 62 Jahre noch immer so kindlich verspielt wirkt, legt nun seine Erinnerungen vor. Ein Buch hat er nicht geschrieben: "Was ich noch zu sagen hätte" entstand in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Bernd Schroeder und ist eigentlich ein langes Interview, in dem neben Mey seine Frau Hilla, die drei erwachsenen Kinder und enge Freunde wie Sängerkollege Klaus Hoffmann zu Wort kommen. Was immer noch ehrlicher erscheint als wenn man für die Autobiographie einen Ghostwriter bemüht hätte.

50 Alben mit fast 500 Chansons hat Mey in den vergangenen vier Jahrzehnten herausgebracht. Daß hier viele Liedtexte zur Illustration der Geschichte seines Lebens und seiner Musik abgedruckt sind, ist keine wirkliche Bereicherung; Meys Verse hört man lieber, als das man sie liest. Schroeders mitunter provokantes Nachbohren bewahrt die Erinnerungen glücklicherweise vor zu viel Schwulst. Und so liest sich die Karriere des jungen Deutschen, der als Frédérik Mey in Paris mit französischen Chansons begann und diese Tradition anschließend mit in die Heimat brachte, ebenso spannend wie die Einblicke ins Privatleben, das für die Öffentlichkeit lange Zeit tabu war. Über Meys große Leidenschaft, das Fliegen, muß man jedoch nicht unbedingt so viel erfahren. Und wenn am Ende seitenweise über das zu laute Rasenmähen an seinem Zweitwohnsitz, auf Sylt, debattiert wird, denkt man, solche Probleme hätte man auch gerne. Aber irgendwie überzeugt sie einen doch, die Sicht dieses Künstlers auf das Leben. Reinhard Mey ist ein guter Mensch. Bestimmt kommt er in den Himmel.

Reinhard Mey mit Bernd Schroeder: Was ich noch zu sagen hätte. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 300 S., 19,90 Euro.