Temporäre Kunsthalle

Ein Lehrstück des Scheiterns

Sie sollte wie ein "Kraftwerk" (Volker Hassemer) wirken und glich doch nach dem ersten Jahr eher einem Trümmerhaufen. Auferstanden aus Ruinen, trauert nach insgesamt zwei Jahren die Kunstgemeinde nun ihrem unabänderlichen Verschwinden entgegen.

Die kurze Geschichte der Temporären Kunsthalle zu Berlin-Mitte ist ein Lehrstück - und das in vielfacher Hinsicht. Sie ist ein Lehrstück über Anspruch und Wirklichkeit, Imagination und Verblendung im Kunstbetrieb. An der sich chamäleonartig verfärbenden Kunstkiste auf der Brache des Schlossplatzes lässt sich die Unvereinbarkeit von Medienrealität und Feuilletonpoesie mit den meist prosaischen Verhältnissen in der gelebten Praxis studieren. Lange nicht mehr war ein Kulturprojekt in Berlin mit so einem überzogenen Erwartungsdruck aufgeladen worden wie die Temporäre Kunsthalle.

Sehnsucht nach einem Symbol

Auf sie fokussierten sich die unterschiedlichsten Interessen und Hoffnungen: von der phantasie- und strategiefreien Kulturpolitik des Senats über das nationale Feuilleton bis zur geballten Kunstszene - alle sehnten sich nach dem erlösenden Exempel an einem Standort, wie er symbolträchtiger und medienwirksamer nicht denkbarer war. Der Senat wollte seine vagen Vorstellungen einer permanenten Kunsthalle auf Kosten und Risiko eines privaten Mäzens legitimiert wissen, der Kunstbetrieb lechzte nach einer neuen, spektakulären Selbstdarstellungsplattform, die Creative Industries-Apologeten träumten vom nächsten Beweis ihrer Bedeutung - und in trauter Gemeinsamkeit sahen alle die Touristen und Kunstenthusiasten aus der ganzen Welt auf den Schlossplatz strömen. Nur wie so oft wurde die Rechnung ohne den Wirt, sprich: die intendierten Zielgruppen und den Standort gemacht. Gern wird die Zahl der an zeitgenössischer Kunst Interessierten maßlos überschätzt. Die Flick-Collection im Hamburger Bahnhof dürfte längst ihre Einnahmehochrechnungen von 2004 (eine Mio. Euro) nach unten korrigiert haben, etwa 40 000 Besucher für das Art Forum oder überschaubarer Zuspruch für die Berlin Biennalen sind auch nicht die Welt: Ein touristischer oder lokaler Selbstläufer oder Publikumsmagnet ist zeitgenössische Kunst nicht.

Womit der Standort ins Spiel kommt. Der Schlossplatz hat es in sich, er ist historisch und mythologisch kontaminiertes Terrain: Forum Fridericianum, gesprengtes Stadtschloss, demontierter Palast der Republik, endlose parlamentarische und außerparlamentarische Debatten. Das sind die Altlasten unter der Oberfläche, darüber bedarf es schon eines hochentwickelten urban-ethnologischen Sensoriums, um der grauenhaften Brache etwas abzugewinnen und den Weg über die tosende Straße zu wagen.

Hierher verirrt sich keiner ohne Grund, da verweilen die Touristen lieber im Lustgarten und auf der Museumsinsel. Denn das lehrt unsere Geschichte auch: Standort ist nicht Standort, und jeder folgt seinen eigenen Gesetzen - und die sind oft ganz prosaisch: Laufwege, Ausnutzung, barrierefreie Zugänge, attraktives Umfeld.

Dies hatten die Projektverantwortlichen nicht auf der Agenda. In grenzenloser Selbstüberschätzung vertraute man auf die Anziehungskraft der Kiste und der Kunst an sich. Das musste schief gehen, zumal der gebaute, reale "White Cube" von Adolf Krischanitz zu einer ersten Ernüchterung bei Medien und Szene führte.

Da halfen auch die originellen Fassadenprojekte von Gerwald Rockenschaub bis Carsten Nicolai nicht weiter. "Inner and Outer Space" - um Candice Breitz Eröffnungsausstellungstitel zu bemühen - stimulierten keine energetischen Prozesse. Und damit wird ein ganz zentrales Kapitel des Lehrstücks aufgeschlagen: Führung und Steuerung, Struktur und Programmpolitik des Projekts. Eher selten sind die Ideengeber auch die kongenialen Umsetzer. Ein für Programm und Kuratorisches zuständiger, prominent besetzter Beirat war der erste Konstruktionsfehler, Constanze Kleiner als unerfahren-chaotische Geschäftsführerin war die zweite folgenreiche Fehlentscheidung. Ein Projekt dieser Dimension, unter diesem Erwartungs- und Zeitdruck braucht eine starke, professionelle Führung im Haus. Die Illusion in dieser Konstellation eine glaubwürdige Programmpolitik mit produktiver Strahlkraft in die Szene zu schaffen, musste sehr schnell wie eine Seifenblase platzen. Nichts stimmte, weder die Preispolitik, noch die einfachsten Serviceleistungen, außen Trost-, innen Ratlosigkeit. Die Ausstellungen blieben trotz gehübschter Zahlen weit hinter den Planziffern zurück, die Szene fühlte sich nicht wirklich eingebunden - keine Identifikation, kein Diskurs.

Zur Halbzeit gab keiner mehr einen Pfifferling auf dieses Projekt, von den vielen Ansprüchen, von all dem glitzernden Diskurslametta schien nichts geblieben. Aber dann kam die Wende, ein kleines Wunder geschah, und ein neues Kapitel des Lehrstücks begann. Ein kunstaffiner Manager kam und zeigte, was solides Handwerk inmitten aufgeregter Interessengruppen zu bewirken vermag. Ein erfrischender berlinischer Realismus zog in die Kunstkiste ein. Aller "ideologische" Ballast, alle Visionen wurden über Bord geworfen und nach dem schönen Bennschen Leitsatz verfahren: "Erkenne die Lage, rechne mit deinen Beständen."

Der eigentliche Auftrag rückte ins Zentrum, die Kernaufgabe galt es zu erfüllen: die Kunstkiste mit den hier arbeitenden Künstlern zu bespielen. Es entstand - endlich - eine Verantwortungsgemeinschaft aus Stifter, Management, Künstler-Kuratoren und dem remotivierten Team. Benjamin Anders, der fachfremde Profi, hat verschüttete Kräfte freigesetzt, die Kiste den Künstlern und dem Publikum geöffnet, und Dieter Rosenkranz, der wagemutige, gebeutelte und lernbereite Mäzen, hat frisches Geld für freien Eintritt in das Projekt gepumpt. Das genügte: ein Konzept vermittelte sich, die Medien jubelten, neugierig gewordene Besucher kamen, Berlins Kunstszene war spür- und sichtbar. So ist daraus noch ein Lehrstück mit Happy End geworden.

Kreativ, chaotisch, wild

Wer in diesen letzten Tagen durch John Bocks grandiose Ausstellungsinstallation mit dem vertrackten Titel "FischGrätenMelkStand" kletterte, der könnte denken: Alles hat sich planvoll auf dieses große Finale hin entwickelt. Gewonnen wird auf der Ziellinie, und jetzt ist jedem klar: Das zusammengezimmerte labyrinthische Konstrukt, das völlig amuseal, aus radikal subjektiv multimedialer Künstlerperspektive die Werke von 63 Künstlern, Architekten und Komponisten beherbergt, ist ein Dokument und eine Verheißung zum Schluss - kreativ, chaotisch, wild, provisorisch, temporär.

Das ist Berlin und die intelligente Absage an den "White Cube" und seine hypertrophen, oft nur eigennützigen Erwartungen. Die Kiste vom Schlossplatz wird abgebaut, die nächste, die Box des Humboldt-Forums, wächst schon drohend in den Himmel. Also, wir haben viel gelernt, nicht zuletzt, dass Berlin keine permanente Kunsthalle braucht, sondern viele, auch kleinere Projekte, an vielen Orten und mit unterschiedlichen Handschriften und als offene Plattformen konzipiert. Temporär kann so produktiv sein, es hinterlässt einen Phantomschmerz, der nur mit neuen Projekten zu lindern ist!

Klaus Siebenhaar ist Professor für Kultur- und Medienmanagement an der Freien Universität Berlin.