Bühne

Mit nacktem Po in den Spaghetti

Sicherheitshalber hat "Realisator" Patrick Wengenroth den Text für den Zuschauer ausdrucken lassen: "Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?" Friedrich Schiller hielt seine Antrittsvorlesung 1784 als 24-Jähriger vor der kurpfälzischen deutschen Gesellschaft in Mannheim.

Es war ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Nationaltheater. Diese Schaubühne sollte die Stiftung sein, "wo sich das Vergnügen mit Unterricht, Ruhe und Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der andern gespannt, kein Vergnügen auf Kosten des Ganzen genossen wird".

Die Schaubühne (!) am Lehniner Platz entsinnt sich in Schillers 250. Geburtstagsjahr dieses Textes und nimmt ihn zum Anlass für eine dreiteilige Selbst-"Überprüfung". Lässt man die Virtuosität mal beiseite, springt doch ein gehöriges Stück Eitelkeit aus Wengenroths Inszenierung heraus: ein satirisches Geplänkel über hohen Anspruch und theatrale Wahrnehmung.

Wie in einem Proseminar lümmeln die sieben Akteure (Frauen bleiben draußen) an einem Arbeitstisch, auf dem sich neben Vollmilch (der reinen Denkungsart?) und einem Totenkopf auch Schillers Bio-Stimulantien, faulige Äpfel, finden. Neben Max Reinhardt mit seiner zwischen 1928 und 1930 mehrfach in Europa und Amerika gehaltener berühmter Rede ("nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung") wird hier Daniel Kehlmann mit seiner dumpfen Salzburger Rede wider das Regisseurstheater der Lächerlichkeit preisgegeben. Die heutige Schaubühne präsentiert sich hier als höherer Ideale entkleidetes Institut. Nicht zum ersten Mal lässt Lars Eidinger die Hüllen fallen; mit nacktem Po setzt er sich in eine Portion Spaghetti. Zuvor hat er noch eine tolle Schimpansen- und Gebiss-Nummer als Franz Moor hingelegt. Schließlich erwartete Schiller, den Zuschauer, wenn er Franz erlebe, werde "lebendige Glut zur Tugend" durchdringen.

Dieses szenische Capriccio, bei dem sich die Spieler mitunter selbst am besten amüsieren, zielt dann doch mehr auf den schnellen Spaß, ohne dass sich Kurzweil mit Bildung gatten würde. Das Vergnügen geht hier auf Kosten des Ganzen. Und ob das Konzept noch weitere Folgen tragen wird, bleibt abzuwarten.

Schaubühne am Lehniner Platz, Studio, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Tel. 89 00 23. Termine: 17., 18., 25., 26.9.