"Ich muß nachsitzen"

Nur begleitet von seinem langjährigen Freund und Pianisten Christoph Israel, singt Max Raabe Schlager und Couplets. Und freut sich auf das anstehende Debüt mit dem Palast Orchester in der New Yorker Carnegie Hall.

Nein, unter Lampenfieber leidet Max Raabe nicht. Es ist eher eine gewisse Aufregung, die er kurz vor einem Konzert verspürt. Steht er dann aber auf der Bühne und intoniert ganz leise Mischa Spolianskys Liebeslied "Heute Nacht oder nie", ja dann strahlt er diese heiter-überlegene Gelassenheit aus, die das Publikum stets in seinen Bann schlägt. Dieses Kunststück gelingt ihm mit mokant gezückter Augenbraue als Frontmann des Palastorchesters, aber auch solo. Nur begleitet von seinem langjährigen Freund Christoph Israel, dem Virtuosen am nachtschwarzen Konzertflügel.

Es ist eine andere, weniger bekannte, sehr leichtfüßige und aufs Wort konzentrierte Klangfarbe, die die Premiere der Konzertreihe "Max Raabe singt ..." im Wintergarten Varieté bestimmt. "Man setzt seine Pointen leiser und wechselt die Tempi rasanter", so der Sänger, der seine zwölf Musiker quasi vorübergehend arbeitslos gemacht hat: "Von wegen!", wehrt er sich. "Wir haben alle Ferien. Nur ich muß nachsitzen!"

Das macht er mit seinem Pianisten mit Bravour. Das Gespann hat schließlich reichlich Erfahrung, eroberten die beiden doch unlängst New York: "Obwohl es keine Kritiken gab, waren wir das Thema. Beim dritten Konzert, einem Zusatztermin, standen die Leute sogar draußen auf der Straße", erzählt der 42jährige. "Wir sind auch sonst oft im Ausland und spielen dann die Hits des Landes. Doch diesmal habe ich auf deutsch gesungen und nur einige skurrile Songzeilen ins Englische übersetzt."

Wie so etwas funktioniert, zeigt Max Raabe auch im Wintergarten. Nach einem rasanten russischen Tango nestelt er einen kleinen Zettel aus seinem Frack und macht sich an eine Zusammenfassung des Gehörten: Von acht splitterfasernackten Cousinen ist da die Rede, die einen Reigen tanzen. Doch Stop! Falsche Notiz! Es geht vielmehr um eine alte Kräuterfrau, die die Phantasie mitnichten anheizt. Raabe, der Erzkomödiant mit dem staubtrockenen Humor, setzt übergangslos noch eins drauf und singt ein Stück aus eigener Feder: "Carmen, hab' Erbarmen", die Geschichte einer temperamentvollen Spanierin, die jeden Mann zwischen zerwühlten Laken schafft.

Überhaupt strotzen die Lieder etwa von Friedrich Hollaender, Willy Rosen, Rudolf Nelson und Co. nur so vor frivol-hintersinnigen Doppeldeutigkeiten. Und Max Raabe ist ihr vorzüglichster Interpret. Der studierte Opernsänger schraubt seinen Bariton in höchste Höhen und in einen abgrundtiefen Baß, gibt den Schmierentenor mit der gleichen Hingabe wie den Belcanto-Helden und den intelligent-gewitzten Coupletsänger. Mit nahezu unbeweglicher Miene schlawinert er sich mit Finesse durch Kabarett-Klassiker wie "Der Überzieher" oder "Das Nachtgespenst" und betört im nächsten Moment als gefühliger Herzensbrecher mit Walter Jurmanns "Was weißt denn du".

Glücklich das Land, das solch einen Künstler hat! Vor kurzem erst wurde Max Raabe für seine "großen Verdienste um die deutsche Unterhaltungsindustrie" mit dem Paul-Lincke-Ring der Stadt Goslar ausgezeichnet. "Mich ehrt vor allem die Liste der Namen, in die man eingereiht wird. Udo Lindenberg etwa oder Udo Jürgens", so der Wahlberliner, der weiß: "Man muß diese Musik so ernsthaft betreiben wie Lieder von Schubert. Nur dann offenbart sie ihre Qualität und wir schaffen es, die Realität draußen zu lassen."

Mit Nostalgie hat das nichts zu tun. Schließlich sind die Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts heute noch so aktuell wie damals. Nur textlich eben weitaus pfiffiger. Max Raabe gibt ihnen formvollendet den letzten, perfekten Schliff. Mit schnarrendem, rollendem R und pointierter Ironie. Immer in seiner "neutralen Arbeitsstandardbekleidung, also Frack oder Smoking", seinem "Blaumann", und immer darauf aus, dem Publikum das größtmögliche Vergnügen zu bescheren. Das Konzerterlebnis mit Max Raabe und Christoph Israel kann man mit der gerade erschienenen gleichnamigen CD noch einmal ganz privat in den eigenen vier Wänden erleben.

Max Raabe selbst setzt übrigens an zum Sprung in den Musik-Olymp: Am 30. November spielt er mit dem Palastorchester in der New Yorker Carnegie Hall. Dann, so meint er, könne man auch man von Lampenfieber reden: "Bis dahin halte ich die Füße still und hebe mir den Größenwahn für danach auf!"

Wintergarten Varieté, Potsdamer Str. 96, Tiergarten. Tel.: 25 00 88 88. Bis 30. 7., Mo - Sa, 20 Uhr.