Alles auf Suppe!

Das Jüdische Filmfestival war schon einmal kurz vor dem aus. Nur dank einer Initiative kann es von heute an in zwei Wochen 22 Filme vorstellen. Sein Motto "Heimat, Heimweh, Hejmisch sein" trifft auch auf das Festival zu.

Nein, Suppe gehört nicht auf die Fensterbank. Schon gar nicht tiefgefroren, denn so kann sie zur tödlichen Waffe werden. Rafi, erstmals bei der Familie seiner Freundin Leni zu Besuch, läßt den eiskalten Klops versehentlich aus dem siebten Stock fallen. Genau auf den Kopf eines Mannes, der gerade das Haus betreten will. Rafi schöpft den furchtbaren Verdacht, daß er seinen Schwiegervater in spe ins Jenseits befördert hat. Und vor wenigen Minuten erst hat Leni der jüdischen Familie die schwer verdauliche Nachricht gesteckt, daß ihr Zukünftiger Palästinenser ist! Ein wenig erinnert "Seres Queridos" von Dominic Harari und Teresa Pelegri an Dany Levys Filmerfolg "Alles auf Zucker!". Nur kommt diese in Madrid spielende Komödie schriller daher. Die Kette von Mißverständnissen kulminiert in heftigem Zwist um das Recht auf Heimat in Nahost. Und endet mit der Erkenntnis, daß wahre Heimat die Familie ist.

"Heimat, Heimweh, Hejmisch sein", so das diesjährige Motto, trifft auch auf das Festival selbst zu. Die von der Jüdischen Volkshochschule und den Freunden der Deutschen Kinemathek initiierte Veranstaltung konnte nur dank der Hilfe des Bündnisses für Demokratie und Toleranz fortgesetzt werden. In Zeiten der Globalisierung wird es schwieriger, Heimat zu definieren. Für jüdische Menschen war dieser Begriff seit jeher ambivalent. Auch heute, wo viele Juden, und noch mehr Nichtjuden, den Staat Israel als eigentliche Heimat der Juden betrachten. "Ich fühl mich nicht zu Hause, obwohl ich hier zu Hause bin", sang einst Georg Kreisler in seinen "Nichtarischen Arien".

Bei einigen israelischen Produktionen denkt man an den Kabarett-Altmeister. Vor allem bei der Dokumentation "Watermarks": Regisseur Yaron Zilberman holte sieben ehemalige Schwimmerinnen des jüdischen Sportverbands "Hakoah Wien" zurück in ihre alte WienerSchwimmhalle, ein bewegendes Wiedersehen nach 65 Jahren. Franziska van Almsick, Schwimmstar der Neuzeit, stellt den Film am 29. Juni vor. Um das Sich-Heimisch-Fühlen in verschiedenen Kulturen drehen sich auch die beiden Filme, die das Festival heute eröffnen: "Don't Call It Heimweh" gewährt Einblick in die Gefühlswelt von Margot Fridländer, die in Kreuzberg aufwuchs und Nazi-Deutschland überlebte. Die heute 82jährige kommt zur Matinee aus New York. Den Konflikt zwischen nordafrikanischen und indischen Einwanderern in Israel schildert "Sof Ha'olam Smola", übersetzt: "Am Ende der Welt und dann links".

Ans Ende der Welt versetzt fühlten sich auch die 2500 größtenteils jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland, die von der britischen Regierung während des Zweiten Weltkriegs nach Australien deportiert wurden. Für seine Rolle in "The Dunera Boys" wurde Bob Hoskins 1985 für den Oscar nominiert. Auf der Flucht vor Pogromen verschlug es den polnischen Juden Moritz Rabinowitz 1911 in den norwegischen Küstenort Haugesund. Dort baute er bald ein Konfektionsimperium auf und kämpfte ab 1933 in Zeitungsartikeln gegen die Nazis, die nach der Okkupation Norwegens Jagd auf ihn machten. Die Dokumentation "Der Mann, der Haugesund liebte" macht deutlich, daß er trotz des Aufschwungs, den er seiner neuen Heimat bescherte, nie akzeptiert wurde.

Daß es von Mythen umrankte Städte gibt, die als Heimat dienen, selbst wenn man dort niemals lebte, zeigt Michale Boganims "Odessa, Odessa!". Heimat ist eben nicht immer an einen Ort gebunden. Man kann sich in Sprache und Musik ("A Cantor's Tale") ebenso zu Hause fühlen wie in der Religion ("Keep Not Silent"). Oder in der Küche, wie in dem Kurzfilm "Diet Leibovitch". So gesehen, stiftet eine gute jüdische Hühnersuppe mitunter mehr Identität als der Reisepaß.