Preisverleihung

Triumph für 90 klaustrophobische Film-Minuten

Es gehört schon Mut dazu, eine Einladung nach Cannes, dem wichtigsten Filmfestival der Welt, abzusagen. Gewöhnlich lassen sich Filmemacher nicht lange bitten, präsentieren schlimmstenfalls einen noch unfertigen Film und schneiden ihn danach um.

Aber nicht Fatih Akin. Der gab an, dass sein Film "Soul Kitchen" einfach noch nicht fertig sei. Er mag sich danach selbst gefragt haben, ob das klug war. Stattdessen hat er ihn nun auf dem Filmfestival von Venedig gezeigt. Und wurde mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, dem zweitwichtigsten Preis des Festivals.

Akins Erfolgsgeschichte wird damit um ein weiteres Kapitel reicher. Mit "Gegen die Wand" gewann er vor fünf Jahren erst den Goldenen Bären in Berlin, dann fünf Deutsche Filmpreise und sahnte danach erst beim Deutschen und dann beim Europäischen Filmpreis ab. Mit "Auf der anderen Seite" gewann er vor zwei Jahren in Cannes den Preis für das beste Drehbuch, auch danach folgten Preise beim Deutschen und Europäischen Filmpreis. Gut möglich, dass auch "Soul Kitchen" nun die Preisrunde macht.

Es war auch sonst ein großer Abend für den deutschen Film. Denn der Preis für die beste Regie ging an Shiran Neshat für ihren Film "Women without Men". Der Film ist zwar in Marokko auf Farsi gedreht; er ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von der iranischen Autorin Shahrnush Parsipur und es stecken auch französische und österreichische Gelder darin. Dennoch ging er als zweiter deutscher Beitrag in den Wettbewerb am Lido (während der deutsche Regisseur Werner Herzog mit zwei US-Titeln im Rennen war). Das hat es seit 2002 nicht mehr gegeben, dass gleich zwei deutsche Beiträge am Lido konkurrierten. Dass beide auch noch ausgezeichnet wurden, kommt einer Sensation gleich.

Venedig sucht sein Profil, seit Marco Müller Festivalchef ist, übers Genrekino zu definieren. Die gebotene Fülle wirkt oft beliebig. Ang Lee und seine Ko-Juroren haben das Beste daraus gemacht. Dass Xenia Rappaport als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, nun ja, ein Preis muss eben immer auch ans italienische Kino gehen. Dass Colin Firth als bester Darsteller gekrönt wurde, für seinen Part in "A Single Man", war hingegen erwartet worden. Und weil das ein Schwulenfilm ist und Ang Lee der Jury vorsaß, sahen viele darin einen "Brokeback Mountain"-Moment. "Brokeback" gewann vor vier Jahren den Goldenen Löwen.

Die Jury hat keines der Genrewerke in irgendeiner Weise berücksichtigt. Und den Goldenen Löwen hat sie mutig dem konsequentesten aller Filme vermacht: dem israelischen Beitrag "Lebanon" von Samuel Maoz. Dieser Film, der mit deutschen Koproduktionsgeldern finanziert wurde, spielt in einem Panzer, in dem vier blutjunge Soldaten sitzen, die noch nie in einem Gefecht waren und am ersten Tag des ersten Libanonkrieges von der Situation vollkommen überfordert sind. Die Kampfhandlungen, überhaupt alle Handlungen draußen bekommt der Zuschauer nur durch das Zielfernrohr zu sehen; die Kamera verlässt den Huis Clos nur ganz am Anfang und ganz am Ende. So wird die Klaustrophobie sinnlich erfahrbar.

Es ist ein zutiefst autobiographisches Werk. Maoz selbst war selbst Schütze in einem Panzer. Seine Mutter nahm ihn weinend in die Arme, als er aus dem Krieg zurückkam. Dabei ist er nie zurückgekommen, wie er heute sagt. Ihr Sohn, sagt er, ist da draußen gestorben.

Die Berlinale kann sich jetzt ärgern. Denn dort soll "Lebanon" sich auch schon beworben haben. Manchmal aber, das zeigt das Beispiel "Soul Kitchen", lohnt es sich, auf ein späteres Festival zu warten.

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