Wie durch eine gläserne Wand

Zsuzsa Breier hat die Exportfähigkeit der osteuropäischen Kultur bewiesen. Wenn das "Kulturjahr der Zehn" heute mit einer Podiumsdiskussion und einem Konzert zu Ende geht, wird uns der sogenannte Osten ein Stück näher gerückt sein.

Billige Zigaretten und preiswerte Dienstleistungen jeder Art. War da sonst noch was? Was nehmen wir von der Kunst, Musik und Literatur der zehn neuen EU-Staaten wahr, was ignorieren wir? "Hier glaubt man, die europäische Zivilisation sei Westeuropa", sagt Zsuzsa Breier, "wir gehören aber auch dazu, haben unsere eigene, ganz andere Geschichte!"

Um dieses Andere dem Westen vermitteln zu helfen, hat die ungarische Literaturwissenschaftlerin das "Kulturjahr der Zehn" initiiert. Die Zehn, das sind die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland, die sogenannte Visegrád-Gruppe Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei, das südliche Slowenien sowie die Mittelmeerinseln Zypern und Malta. Eine heterogene Truppe. Aber mit ähnlichen Problemen und Befindlichkeiten.

Die Situationsanalyse ist schnell erstellt: dort, wo der Eiserne Vorhang hing, steht heute eine gläserne Wand. Sie wird nur von ökonomischen Interessen durchbrochen. Die Völker Ostmitteleuropas werden bis auf wenige Ausnahmen kaum als Kulturnationen ernst genommen. Zsuzsa Breier weiß, daß Stoßseufzer nicht weiterhelfen. Folglich hat sie nach Wegen gesucht, Intellektuelle und Künstler beider Hemisphären ins Gespräch zu bringen, ein größeres Publikum zu gewinnen.

Dabei ist auch sie gegen die gläserne Wand gelaufen. Zum Glück kennt sich die ideenreiche Aktivistin, die nebenberuflich noch fünf schulpflichtige Kinder erzieht, im Westen gut aus. Sie hatte schon zur Zeit, als sie noch in Budapest deutsche Literatur lehrte, viele Kontakte zum akademischen Milieu Deutschlands. Und sie knüpfte als Kulturattaché der ungarischen Botschaft seit dem Jahr 2000 zahlreiche weitere Beziehungen. In diesem ganz persönlichen Netz haben sich mittlerweile 500 Teilnehmer sowie 300 000 Besucher des Kulturjahres verfangen. "Einladungen rausschicken und Pressemitteilungen schreiben, das nützt nichts." Frau Breier kennt die einzig wirksamen Mechanismen: "Man muß Kontakte nutzen, nichts geht über die persönliche Ansprache." So veranstaltet sie regelmäßig Teestunden und Ausflüge mit ihren ehemaligen Botschaftskollegen, mit Journalisten und Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Verwaltung. Lockere Interessenverbindungen haben sich zu Freundschaften vertieft. Ein erfolgreiches Team, eingeschworen auf das historische Ziel: Heimkehr nach Europa.

Bei Staatsministerin Christina Weiss mußte dafür keine lange Reklame gemacht werden, sie förderte das Kulturjahr mit 1,5 Millionen Euro. Die andere Hälfte wurde fallweise aus den zehn Staaten eingeworben. Hilfreiche Unterstützung boten die Komische Oper Berlin, die Akademie der Künste, die Deutsche Bank. So konnten die 60 Veranstaltungen finanziert werden.

Der Versuch, östliche und westliche Strukturen abzugleichen, förderte sonderbare Differenzen zutage. Als großen Vorteil empfand Frau Breier anfangs die Diskussionsfreudigkeit der Deutschen. Doch zeigten sich die Nachteile mit gleicher Deutlichkeit. "Ich hatte ständig das Problem, daß ich bestimmte Inhalte vermitteln wollte", berichtet die Zehner-Präsidentin, "damit aber an dem Marketing, das hier so intensiv betrieben wird, scheiterte. Immer wieder wurde mir gesagt: Frau Breier, sie müssen eine tolle, interessante Story für uns finden - am besten mit Uschi Glas." Oft funktionierten dann jedoch gerade jene Slogans und Logos, die nicht der bunten Geschmackswelt angepaßt waren. Oft wurde auch eine Veranstaltung, etwa die Kunstpräsentation in zehn Berliner Galerien, nach heftigen Zweifeln zum Erfolg.

Ein fundamentales Kommunikationsproblem ist die nationale Phobie der Deutschen. Sie assoziieren zum Begriff der Nation nur Krieg und Konzentrationslager, können nicht begreifen, daß er anderswo positiv klingt. Tatsächlich war die nationale Kultur den unterdrückten Völkern Osteuropas in erster Linie ein Motor der Befreiung. "Wenn ich so etwas hier sage, werde ich sofort als konservativ und nationalistisch abgestempelt." Damit formuliert Ungarns Kult-Frau indes keine individuelle Meinung - diese Ansicht ist unter den zehn Neuen weit verbreitet. Man ist sich auch ziemlich einig darin, daß der Westen zur Spaßgesellschaft tendiert, während der Osten das alteuropäische Kulturerbe bewahrt. In Estland werde mehr Goethe gelesen als in Deutschland, so ein Literat aus Tallin. Ob wir unsere aus Borniertheit und Billigmarktfixiertheit bestehende Mentalität überwinden? Ein Reichtum von unschätzbarem Wert würde uns zufallen. "Ich stelle mir Europa wie einen Körper vor, jede Nation hat ihre Rolle und Eigenart", sagt Frau Breier, "dieser Körper lebt nicht von einem Organ allein, sondern nur im Zusammenspiel."