Der musikheilige Geist des Vaters

Drei Kinder hat Dirigent Michail Jurowski: Die Söhne Wladimir und Dmitri sind in seine Fußstapfen getreten, die Tochter Maria ist Pianistin und Pädagogin. Längst ist die russische Musikerfamilie in Berlin heimisch geworden.

"Das war ein verdammt schwieriger Tag", sagt Michail Jurowski. "Ich hatte das Gefühl, Vaters Geist spricht zu mir." Der Dirigent hat die erste Probe zur 5. Sinfonie seines Vaters hinter sich. Im Wohnzimmersessel seiner ruhigen Spandauer Wohnung erholt er sich von der Strapaze. Schließlich ist es nicht irgendein Werk: "Dieses Stück ist das klingende Testament meines Vaters, der sinfonische Spiegel seiner tiefen Depression über die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Sowjetunion. Er hat damit Abschied von allen Illusionen genommen."

Düsterer Sarkasmus mischt sich in die romantische Musiksprache von Wladimir Jurowskis letztem Werk. 1971 hat er die Sinfonie geschrieben, kurz darauf ist er gestorben. Danach blieb sie liegen. Erst jetzt - mehr als drei Jahrzehnte später - wagt sich Michail Jurowski an die Uraufführung.

In einem jüdischen Schtetl in der Ukraine ist Wladimir Jurowski 1915 geboren. Er wuchs in den Wirren nach der russischen Revolution auf, als marodierende Banden durchs Land zogen. Seine Mutter wurde ermordet, Banditen warfen den Dreijährigen durchs geschlossene Fenster. Ein Hund fand und rettete das Kind. Diese Erlebnisse prägten den späteren Komponisten. Seine Liebe zur Musik entwickelte er eigenständig. Wladimir entdeckte das Klavier im Stummfilmtheater seines Vaters für sich. Zur Aufnahmeprüfung am Moskauer Konservatorium legte er bereits zwei Opern und zwei Sinfonien vor.

"Das Purpursegel" hieß Wladimir Jurowskis Hauptwerk. Die Originalpartitur wurde in einer kalten Kriegsnacht verheizt, der Komponist schrieb sie ein zweites Mal. Das Ballett um ein Mädchen, das von einem lang erwarteten Traumschiff abgeholt wird, gab den Menschen Hoffnung und stand 16 Jahre lang auf dem Spielplan des Bolschoitheaters. Auch alle anderen Werke Jurowskis wurden von erstklassigen Orchestern in der Sowjetunion aufgeführt. Trotzdem machte es ihm die Obrigkeit schwer. Nie bekam er einen Titel oder Preis. In der Stalin-Ära fühlte sich die jüdische Familie ständig bedroht. "Für den Fall der Verhaftung stand ein Korb mit Unterwäsche und Essen neben der Wohnungstür bereit", erinnert sich Michail Jurowski. "Nächtelang lagen wir wach in unseren Betten und horchten, ob jemand mit dem Fahrstuhl kam."

Wladimir Jurowski hat sein Leben lang gekämpft. Er starb als gebrochener Mann. Auch sein Sohn hat berufliche Berg- und Talfahrten erlebt. Schon mit 23 Jahren gab er sein Debüt mit Gennadi Roshdestwenskys Moskauer Rundfunkorchester. Er sollte zum zweiten Kapellmeister ernannt werden, doch ein Parteibonze war dagegen, und der junge Dirigent stand vor dem Nichts. Stufe für Stufe kletterte er die Karriereleiter wieder hoch, bis er zwanzig Jahre später endlich Chefdirigent des Stanislawski-Theaters werden sollte. Wieder scheiterte er an einem Funktionär, der meinte, Juden gehörten nach Israel. Antisemitische Drohbriefe hatte der Dirigent vorher schon bekommen. Die Familie entschloß sich 1989 zur Flucht und nutzte eine Einladung an die Dresdner Semperoper.

Niemals haben die Jurowskis diesen Schritt bereut. Die Premiere an der Semperoper war erfolgreich, und schon zwei Monate später bekam er das Angebot, als Chefdirigent nach Herford zu gehen. Rostock und Leipzig folgten. Im kommenden Jahr wird er Chef des WDR-Rundfunkorchesters in Köln. In Berlin hat er das Repertoire des Rundfunk-Sinfonieorchesters, der Komischen Oper und der Deutschen Oper mitgeprägt.

Musik lag im Hause Jurowski immer in der Luft. Michails Kinder sind Frühentwickler wie er und sein Vater. Mit 21 Jahren hat sein Sohn Wladimir sein Debüt an der Komischen Oper gegeben, drei Jahre später trat er dort seine erste Kapellmeisterstelle an. Von Berlin aus hat Wladimir Jurowski eine internationale Karriere gestartet. Der 33-Jährige leitet das Opernfestival in Glyndebourne und wird voraussichtlich Chefdirigent des Russischen Nationalorchesters. Auch er setzt sich für die Werke seines Großvaters ein. Vor einem Monat hat er in Mailand die Suite zum Ballett "Das Purpursegel" dirigiert.

Sein acht Jahre jüngerer Bruder Dmitri studiert noch an der Berliner Eisler-Hochschule. Gerade hat er sein großes Debüt in Italien gegeben. 60 Vorstellungen von Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" hat er schon dirigiert. Maria Jurowski macht sich derweil in Berlin als Pianistin und Pädagogin einen Namen.

Kürzlich hat Michail Jurowski in Moskau dirigiert - zum ersten Mal seit der Flucht vor 16 Jahren: "Die Stadt kam mir ganz fremd vor mit den vielen neuen Bauten und den deutschen Wagen auf den Straßen." Interessant war der Ausflug in die Vergangenheit, aber zuhause fühlt sich die Musikerfamilie in Berlin.

Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Mitte. Tel.: 203 09 21 01. Heute, 20 Uhr