Preis der Nationalgalerie für junge Kunst

Der Faulpelz, der Streber und die zwei tollen Mädels

Alle zwei Jahre verleiht der Verein der Freunde der Nationalgalerie den "Preis der Nationalgalerie für junge Kunst" an einen aufstrebenden Nachwuchskünstler. Die aktuelle Wettbewerbsausstellung der vier nominierten Künstler wurde gestern im Hamburger Bahnhof eröffnet und wie immer weiß niemand, wer die Auszeichnung am Ende bekommt.

Das Schöne ist jedoch, dass man sofort sagen kann, wer ihn verdient hätte. Weil sich manche der Nominierten etwas mehr angestrengt haben und manche etwas weniger.

Einer der sich eindeutig etwas weniger angestrengt hat, ist Danh Vo. Der Künstler, der im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern in einem Boot aus Vietnam flüchtete, schöpft normalerweise aus seiner Biografie heraus spannende Erzählungen für seine Kunst. Diesmal gelingt ihm das leider nicht. Vos Präsentation im Hamburger Bahnhof besteht aus einem Haufen Rhododendren in Blumenkübeln, die er auf dem Dach eines Seitenflügels abgestellt hat. Die Erklärung? Die Pflanzen seien wie der Künstler selbst Zugereiste und noch nicht verwurzelt. Na sowas.

Der Vergleich von Migranten und Blumenkübeln fällt etwas lahm und unterkomplex aus. Erweckt Vo beim Wettbewerb den unvorteilhaften Eindruck eines Faulpelzes, so wirkt sein Konkurrent Omer Fast etwas übereifrig. Der Israeli hat in London einen afrikanischen Asylsuchenden zu seinem Leben interviewt und das Gespräch als Basis für mehrere neue Videokunstwerke verwendet. Das schönste ist eine Adaption, für die Fast das Gespräch zu einem fiktionalen Drehbuch umgeschrieben hat. Er lässt es von Schauspielern sprechen. Im Film reden jetzt die beiden Interviewpartner darüber, wie sie einen Film über ihr Interview drehen wollen.

Gradliniger ist eine weitere Adaption, eine Endzeiterzählung, in der allerdings die Europäer die Flüchtlinge sind, die von reichen bürokratischen Afrikanern verhört werden. Der Rollentausch reibt sich geschickt an der eigenen Gewohnheit. Auf die Länge des Films gestreckt, wirkt die Idee aber etwas platt. Seiner Fleißigkeit wegen hätte Fast den Preis verdient, doch es gibt Abzüge für Strebertum.

Annette Kelm wirkt dagegen wie das stille Mädchen aus der letzten Bank. Ihre Fotos sind glasklar, schattenfrei und jeder Dramatik beraubt. Man könnte an die Becher-Schule denken, doch schleichen sich in die nüchterne Dokumentation oft kleine erzählerische Hinweise ein: Der Blick eines Mannes, der sich in einer Bilderserie nur minimalst ändert. Ein Stillleben, das sich aus Zuchinis, Lieblingsbüchern und einer ornamentalen Tapete zusammensetzt. Es sind irritierende, durchaus reizvolle Fotos. Es dauert jedoch eine Weile, bis Kelms unterkühlter Stil das Herz des Betrachters erwärmt.

Spannender noch, da zugänglicher, ist Keren Cytters Beitrag: Die Israelin hat drei Filme gedreht, die auf bluttriefenden Nachrichtenmeldungen basieren. Grundlage des Film "Flowers" ist die Geschichte eines Mannes, der erst seiner Frau in den Kopf schießt und dann sich selbst. Cytter hat die Dialoge selbst geschrieben und verlegt den Beziehungskonflikt in eine Berliner Altbauwohnung, in der sich typische Bohemiendarsteller mit gelangweilter Stimme Gemeinheiten an den Kopf werfen. Zwischendrin werden mit müder Hand Gläser zertrümmert, tropft Blut von der Kopfwunde in die Kaffeetasse, vermischen sich die Realitätsebenen. Alles bildschön und ohne große Aufregung. Cytter spinnt das kunstliebende Publikum in einen Wattekosmos der emotionalen Beliebigkeit ein, den es erschreckt als seinen eignen erkennt. Dafür hätte sie schon die 50 000 Euro Preisgeld verdient.

Wie die Jury entscheidet, wird man allerdings erst am 22. September wissen. Einen Ortsbonus gibt es nicht: Die nominierten Künstler leben diesmal alle in Berlin.