Ägyptisches Museum

Nofretetes neue Chefin

Die neue Chefin rasselt leise. Es ist der auffallende Fisch-Anhänger an der Kette um ihren Hals, an dem winzige münzartige Medaillons auf der Haut spielen. Ihr Lieblingsschmuck. In den frühen Achtzigern hat sie den glitzernden Silberling bei einem Händler in Ägypten erstanden.

Ganz unten, vergraben unter anderem Silber, fand sie die Beduinenkette in einem Stoffsäckchen. Damals studierte Friederike Seyfried noch Ägyptologie in Heidelberg. Beduinenschmuck klimpere immer, sagt sie.

Jetzt sitzt die neue Chefin der Nofretete in ihrem Büro in der Geschwister-Scholl-Straße, unweit vom Neuen Museum entfernt. Das neue alte Domizil des Ägyptischen Museums, das Jahrzehnte in Charlottenburg untergebracht war und sich ab Oktober auf der Insel präsentiert. Die schönen eleganten Schränke an den Wänden neben dem lichten Schreibtisch sind Raritäten - sie gehören noch zum ursprünglichen Mobiliar des Museums, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Sorgfältig überarbeitet bergen sie nun in Leder gebundene bibliophile Kostbarkeiten aus dem wissenschaftlichen Universum der Ägyptologie. Diese Bücher sind so wertvoll wie fragil, dass sie nicht mehr in eine Bibliothek eingestellt werden können.

Sehnsuchtsort für Ägyptologen

Seit Mitte August ist die studierte Ägyptologin, Jahrgang 1960, im Amt. Friederike Seyfrieds Aufbruchstimmung ist spürbar. Kein Wunder. Das Ägyptische Museum ist nicht nur eines der bedeutendsten und meistbesuchten Häuser der Stadt, sondern auch weltweit ein Sehnsuchtsort für jeden leidenschaftlichen Ägyptologen. "Ein Traumziel", sagt Friederike Seyfried. Nun also wacht sie über 35 000 Objekte vom Rollsiegel bis zum Tempeltor, hinzu kommt die umfangreiche Kollektion von rund 60 000 Papyri.

Die Fußstapfen, in die sie tritt, sind nicht die kleinsten. Sie übernimmt den Posten von Dietrich Wildung, der nach 20 Jahren mit 68 Jahren das Haus verlassen hat. Aber halt, wer steckt denn da den Kopf in die Bürotür? Der Professor. Wer den Mann kennt, weiß, Privatleben und Job sind bei ihm kaum zu trennen. Schließlich hat er die neue themenübergreifende Ausstellungspräsentation für die Sammlung auf der Insel über Jahre hinweg ausgetüftelt, Vitrinen entworfen und ein Lichtdesign kreiert, das es so bei den Staatlichen Museen noch nicht gegeben hat. Ihr Freiraum in dieser Hinsicht ist also gering.

Bis zur Eröffnung am 20. Oktober wird der umtriebige Ex-Direktor wohl oft auf der Insel sein, um jeden Handgriff bis zur Perfektion zu verfolgen. Damit könnte wohl nicht jeder so gelassen umgehen wie Friederike Seyfried, schließlich geht es hier um die Neuprofilierung des Hauses auch im internationalen Vergleich. "Die Konzeption ist Dietrich Wildungs Werk. Damit habe ich keine Schwierigkeiten!"

Erst nach der turbulenten Neueröffnung wird sie beginnen, "ihre" Weichen zu stellen. Eine neue Ära beginnt - mit der Neuaufstellung endet quasi die Nachkriegszeit für das Museum. "Alle Objekte sind dann endlich wieder zu Hause und so schön aufgestellt wie wahrscheinlich nie zuvor", schwärmt sie.

Einer ihrer Schwerpunkte wird es sein, die Sammlung systematisch wissenschaftlich aufzuarbeiten, darunter sollen auch Grabungen - wie die von Ludwig Borchert - genau analysiert werden. In diesem Bereich wurde natürlich längst geforscht, aber in der Nachwendezeit bündelten sich die Energien doch eher in der Verzahnung der Sammlungen von Ost und West und in der aufwendigen Planung für die Rückkehr auf die Insel.

Darüber hinaus möchte die Mutter eines 12-jährigen Sohnes Grabungen mit dem Deutschen Archäologischen Institut lancieren und sehr eng mit den ägyptischen Kollegen zusammenarbeiten. Ob das die Kollegen am Nil auch so sehen, bleibt abzuwarten.

Publikumssorgen? Hat sie nicht. Die Popularität dieses Hauses sei programmiert. "Ägypten", glaubt sie, "wird nie an Faszination verlieren." Ganz einfach, weil die Objekte eine so "klare, eingängige und wunderbare Ästhetik" besitzen. Die Ägypter seien Meister des Minimalismus mit der Fähigkeit, den Charakter eines Tieres oder Menschen mit wenigen Merkmalen zu vermitteln. Das mache das Wesen von zeitloser Kunst aus.

Stärkung der eigenen Sammlung

Studiert hat Friederike Seyfried in Heidelberg, neben Ägyptologie Ur- und Frühgeschichte und allgemeine Sprachwissenschaften. Nach den ersten zwei Jahren begleitete sie Grabungsprojekte in Ägypten, die sie später nach der Promotion leitete. Von 1994 bis 1999 war sie am Heidelberger Ägyptischen Institut Assistentin mit Lehrverpflichtung, dann wechselte sie nach Leipzig ans Ägyptische Museum der Universität Leipzig. Der enge Kontakt zwischen Uni und Museum war ihr tägliches Brot - und soll es auch in Berlin sein. "Es ist unsere Pflicht als Museum, die Universitäten mit anzubinden. Wir haben viele wissenschaftlich auszuwertende Schätze in den Depots, da können wir noch lange dran arbeiten", lacht sie.

Bei den Ausstellungen, die sie demnächst planen wird, setzt sie ganz auf die eigenen Sammlungen und das enge thematische Zusammenspiel mit anderen Museen wie beispielsweise dem Kupferstichkabinett oder der Gemäldegalerie. Das klingt in finanziellen Krisenzeiten sympathisch, dennoch kaum spektakulär für die Event-verwöhnten Berliner. Aber vielleicht liegt es auch schlicht an der Tatsache, dass nur jemand wie sie, der von außen in die Stadt kommt, die Berliner Schätze wirklich als das sieht, was sie sind: spektakulär und hochkarätig. "Wir haben", sagt sie und schwärmt schon wieder, "einen solchen Fundus und ganz viele Dinge, die noch nie gezeigt wurden. Auch die einzelnen Sammlungen haben viele Berührungspunkte untereinander. So können wir wunderbare kleine Sonderausstellungen bestücken. Da braucht man keine Ausleihen!"

Ihre erste Ausstellungsplanung hat sie im Kopf - eine Schau zum Totenglauben und -kult. Das Thema hängt eng zusammen mit ihrer Promotion, die sich mit Nekropolen beschäftigte. Ein Projekt aber liegt ihr besonders am Herzen: eine Ausstellung zu einem der bekanntesten Literaturwerke der altägyptischen Geschichte - dem Roman zu Sinuhe. Der Faust der Ägypter. Die Geschichte war im alten Ägypten sehr beliebt und ist in zahlreichen Handschriften überliefert.

Ihr größter Schatz freilich ist die Nofretete. Die stetigen Turbulenzen um die Königin wertet sie als Sturm im Wasserglas. Die Rückgabeforderungen liegen im Verantwortungsbereich des Stiftungspräsidenten. "Und an der Echtheit braucht keiner zu zweifeln - das entbehrt jeglicher Grundlage", sagt Friederike Seyfried. "Das hat Nofretete nicht verdient."