Interview

"Schönheit kommt durch Disziplin"

| Lesedauer: 7 Minuten

Da klagen Schauspielerinnen jenseits der 35, dass sie um jede Rolle kämpfen müssen, dass der Jugendwahn in Hollywood immer schlimmer wird. Und was macht Michelle Pfeiffer, Jahrgang 1958?

Sie legt eine Pause von mehreren Jahren ein, zieht sich komplett zurück, widmet sich nur der Familie. Bei der diesjährigen Berlinale gab es dann ein großes Staunen, als sie in Stephen Frears hinreißender Komödie "Chéri" ein Comeback feiert. Übermorgen kommt der Film in die Kinos. Mit Michelle Pfeiffer sprach Peter Beddies.

Berliner Morgenpost: Wenn man zum zweiten Mal mit Stephen Frears arbeitet und der Erstling so erfolgreich war wie eben "Gefährliche Liebschaften", ist dann die erneute Zusammenarbeit die reine Freude?

Michelle Pfeiffer: Das würde ich gern sagen. Aber es wäre gelogen. Dieser Film hat mir alle Kraft abverlangt. Ich hatte mich - gerade wegen "Gefährliche Liebschaften" so gefreut. Aber es wurde echt hart.

Berliner Morgenpost: Warum?

Michelle Pfeiffer: Der Film ist, was nicht sehr oft passiert, mit uns und der Zeit gewachsen. Stephen Frears ist einer dieser Filmemacher, die das zulassen. Also ermahnte er uns, wir müssten noch mehr Arbeit investieren.

Berliner Morgenpost: Eine Kurtisane zu spielen, ist letztlich etwas Handwerkliches?

Michelle Pfeiffer: Da gebe ich Ihnen Recht.

Berliner Morgenpost: Spielt aber auch die Faszination um diese Frauen eine Rolle?

Michelle Pfeiffer: Faszination nicht. Aber es gibt etwas, das ich interessant finde. Dass man als Kurtisane mitten in einer männerdominierten Welt den direkten Zugang zur Macht hätte. Aber es gab ganz bestimmt nicht nur schöne Seiten an diesem Beruf.

Berliner Morgenpost: Wie sehr haben Sie sich mit dem Leben von Kurtisanen beschäftigt?

Michelle Pfeiffer: Darauf habe ich, um ehrlich zu sein, nicht viel Energie verschwendet. Was ich wissen musste, stand alles im Drehbuch. Ich habe mich eher mit der Person befasst, die ich spiele. Und mit der Frage, wie zeitgemäß kann ich sie spielen?

Berliner Morgenpost: Sie hat etwas, das damals wie heute beschäftigt - die ewige Jugend.

Michelle Pfeiffer: Da würde ich Ihnen gern widersprechen. Ich will hoffen, dass es in Europa noch nicht so schlimm ist wie in den USA. Wie besessen wir derzeit von der Idee der ewigen Jugend sind, das ist nicht mehr normal. Das Schlimmste daran ist, man kann sich dagegen kaum wehren. Selbst, wenn man will.

Berliner Morgenpost: Das heißt im Klartext, auch Sie helfen nach.

Michelle Pfeiffer: Moment! Das habe ich nicht gesagt. Aber tauche ich hin und wieder bei meinem Arzt auf und halte ihm ein Prospekt mit der neuesten "Zaubercreme" hin? Darauf können Sie wetten!

Berliner Morgenpost: Und wie oft hat er Ihnen schon eine solche Creme empfohlen?

Michelle Pfeiffer: Nicht ein einziges Mal!

Berliner Morgenpost: Wenn man Sie so anschaut, bleiben eigentlich nur zwei Alternativen: Nachhilfe oder gute Gene. Sie sehen niemals wie Anfang 50 aus.

Michelle Pfeiffer: Danke fürs Kompliment. Aber Sie haben noch etwas Wesentliches vergessen: Disziplin.

Berliner Morgenpost: Wieso?

Michelle Pfeiffer: Glauben Sie, ich würde immer so aussehen wie jetzt? Das wäre schön, entspricht aber nicht der Wahrheit. Wenn ich weiß, dass ich Interviews oder Filmfestivals habe, dann gibt es Wochen vorher einen exakten Plan, was ich essen kann, wie ich mich sportlich zu bewegen habe. Der gilt erst recht bei Dreharbeiten. Wenn ich drehe, bin ich unglaublich streng zu mir.

Berliner Morgenpost: Und wenn das vorbei ist?

Michelle Pfeiffer: Kann es schon mal passieren, dass ich ein paar Kilo zulege oder mich Menschen auf der Straße nicht sofort erkennen, weil ich mit Jeans in den Supermarkt husche und eben keine High Heels trage.

Berliner Morgenpost: Das Leben jenseits des Filmgeschäfts scheint Ihnen mehr und mehr Spaß zu machen.

Michelle Pfeiffer: Das können Sie laut sagen. Wenn ich meine Familie um mich habe, dann kann ich gut und gern eine Weile auf den Beruf verzichten.

Berliner Morgenpost: Wie lang war Ihre Pause noch mal?

Michelle Pfeiffer: Knapp vier Jahre.

Berliner Morgenpost: Und der Beruf hat nicht gefehlt?

Michelle Pfeiffer: Sagen wir, drei Jahre lang war es völlig OK. Da kamen auch noch Filme ins Kino, die ich vor der Pause gemacht hatte. Man hatte also nicht das Gefühl, dass ich weg wäre. Aber nach drei Jahren wurde es schon merkwürdig. Man bekommt dieses Gefühl: "Hallo, braucht mich keiner mehr? Hat man mich vergessen?" Aber dann kamen so schöne Projekte wie "Hairspray" und "Chéri". Da habe ich solche Fragen schnell wieder vergessen.

Berliner Morgenpost: Gab es im vierten Jahr einen Plan B? Catherine Deneuve hat mal gesagt, sie könnte sich gut vorstellen, als Gärtnerin Karriere zu machen.

Michelle Pfeiffer: Oh, ich bezweifle, dass ich jetzt noch mal eine Karriere starten sollte. Und Gartenarbeit? Das wäre nichts für mich. Wenn schon, dann wäre es sicher die Malerei.

Berliner Morgenpost: Das haben Sie sich gerade ausgedacht, oder?

Michelle Pfeiffer: Nein, ich male wirklich. Das mache ich schon mein ganzes Leben lang.

Berliner Morgenpost: Wo kann man Ihre Werke sehen?

Michelle Pfeiffer: Das ist jetzt ein bisschen peinlich.

Berliner Morgenpost: Wieso?

Michelle Pfeiffer: Ich male zwar schon seit Ewigkeiten Ölbilder. Aber ich habe noch nie ein einziges fertig bekommen.

Berliner Morgenpost: Das ist nicht Ihr Ernst.

Michelle Pfeiffer: Doch. Ich fange oft Bilder an. Aber ich kriege sie einfach nicht fertig. Dann lege ich sie erst mal zur Seite. Und wenn ich wieder mal danach schaue, kommt mir das Ganze so beliebig vor, dass ich es entweder übermale oder wegschmeiße.

Berliner Morgenpost: An Zeit dürfte es bei der Malerei ja eigentlich nicht fehlen, oder?

Michelle Pfeiffer: Wie bitte? Ich habe nie Zeit. Fragen Sie mal eine Mutter von zwei Teenagern, was sie mit ihrer Zeit macht. Da werden Sie in ein verständnisloses Gesicht schauen. Das erspare ich Ihnen jetzt mal. Aber im Prinzip ist es so, dass ich meine beiden Kinder überall hin fahre. Mich dann möglichst fit halte, je nachdem, ob gerade Termine anstehen. Und wenn dann noch Zeit ist, ja, male ich in der Tat ein wenig.

Berliner Morgenpost: Wie sehen denn Ihre Bilder aus?

Michelle Pfeiffer: Hm, ich würde sagen, mich als eine Vertreterin des Realismus sehen. Dass ich gern Personen male.

Berliner Morgenpost: Keine Landschaften?

Michelle Pfeiffer: Nein, das hat mich nie interessiert. Und ich male seit meiner Kindheit. Also schon ein paar Jahre.

Berliner Morgenpost: Bei Ihren Kolleginnen fragt man am Ende immer nach neuen Projekten und dann kommt eine ganze Latte.

Michelle Pfeiffer: Tut mir leid, da muss ich passen. Es wird sicher nicht wieder vier Jahre dauern. Aber im Moment habe ich keine Ahnung, was ich als nächstes mache. Und ich genieße es!