"Berlin Kreuzberg Biennale"

Außerirdische sind in der Stadt

Manchmal will er sich die Freiheit einfach nehmen. Zum Beispiel einfach bei Rot über die Straße zu gehen. Tjorg Douglas Beer ist da ganz unkonventionell. Er bewegt sich gerne sprunghaft fort. Er möchte nicht Sitz und Platz machen wie die Hunde im Friseursalon auf den Porträts eines Kollegen.

Jener meint, die Situation eines Künstlers am Markt sei ähnlich der des folgsamen Vierbeiners. Tjorg Douglas Beer tut etwas dagegen, halb Angry Young Man, halb Ödipus.

Als fiebriger Netzwerker bringt er eigene Projekte ins Rollen, stößt Prozesse an, arbeitet mal im Alleingang und mal im Kollektiv. Gerade hat er die erste "Berlin Kreuzberg Biennale" mit Anna-Catharina Gebbers organisiert, einen sublimen Dialog zwischen Alltag und Kunst. Wie eine Schnitzeljagd führt die Spur durchs Kiez-Leben, an dem der 36-Jähige rege teilnimmt. Hier kann man suchen und finden, was man sonst im Kunstbetrieb oft vermisst: lustvollen Grips statt Langeweile.

Es gilt, Poesie und subversive Sprengkraft von 44 Künstlern zu entdecken, Tierfilme von Christoph Schlingensief bei Aquarien Meyer oder Olaf Metzels "Turbokapitalismus" in der Argument Verlagsgesellschaft. Initiator Beer ist mit von der Partie. Der Mann, der sein Ich gern in ein Wir münden lässt, hängte "Three Monkees" in einen Baum. Die "Soldiers on Acid", die wie Aliens auf den Ästen hocken, kann man gegenüber der früheren Psychiatrie vom Urban Krankenhaus in der Dieffenbachstraße sehen.

Eine Galerie für unterwegs

Mit seinem Forgotten-Bar-Projekt erregte der Wahlkreuzberger jüngst international Aufsehen. Menschen wie er, die festgefahrene Systeme verändern wollen, sind selten. Maurizio Cattelan lud ihn ein in die Tate Modern. "No Soul for Sale" lautete das Motto zum Londoner Jubiläum. Genau das Richtige für Beer, der mit seiner "Galerie im Regierungsviertel" den Verwertungskreislauf unterwandert und der Versteinerung Leben einhaucht.

"Die Glasbox tourt gerade", erzählt Beer und zürnt: "Jetzt reden alle nur noch über die Bar, aber wir sind nicht die Lach- und Schießgesellschaft!" Idee sei gewesen, mit dem Schaukasten in loser Folge Ausstellungen an verschiedenen Orten zu realisieren. Als Nomade hat der Norddeutsche, der an der Hamburger Hochschule flügge wurde, wo Wildwest vor Düsseldorfer Wertarbeit rangiert, selber Erfahrung. Vor seiner Berliner Zeit reiste er um den Globus.

Nirgends hielt es den Rastlosen länger als 14 Tage. Das hat sich geändert. Zwei Jahre will der prozessorientierte, an den Erscheinungen der Welt (nicht an sich selbst) interessierte Künstler in Kreuzberg noch dranhängen. Aus dem zwischen Bundespressekonferenz und Abgeordnetenhaus gelandeten Glas-Ufo ist eine sesshafte Schwester erwachsen. Erst in der Schönlein-, heute in der Boppstraße bittet Beer Kollegen zu abendlichen Auftritten in die Kult-Bar.

"Wir arbeiten selber als Produzenten und wollen nicht alles aus der Hand geben", sagt der gesellschaftspolitische Künstler, der kein Nischendasein lebt. Nach seinem Blitzstart 2006, Messen hier und dort, Galerien in Hamburg, Karlsruhe und New York, kam der Energetiker ins Grübeln: "Ich hab gemerkt, dass ich am Zappeln bin wie ein Angestellter." Der eigene Ausstellungsort schuf Besserung. Mal tun, was Spaß macht und nicht nur rackern für den Verkauf.

Link zwischen Affen und Aliens

Einen Fernsehsender habe man gerade gegründet - "The-New-World.TV". Die Produktion "The Green Valley Disaster", die in der Tate gezeigt wurde, wo er mit 25 Künstlern seiner Bar eine Gemeinschaftsinstallation entwickelte, wird zum Art Forum Berlin wieder laufen. Sie gehe davon aus, "dass es eine direkte evolutionäre Kette zwischen Affen und Aliens gibt", berichtet Beer, der sich in der Fluxus-Tradition sieht, aber durchaus ernste Denkanstöße vermittelt.

Wie schafft er das alles? Schließlich ist er auch Einzelkämpfer, der die Darstellung unerklärlicher Realitäten unserer Welt in packenden Installationen, Bildern und Objekten spielerisch ins Groteske steigert. "Einfach viel arbeiten und schnell sein", meint Beer, der sich einmischt, provoziert, um dem Absurden ein Gesicht zu verleihen.

Seine verschleierten Gestalten hinter Stacheldraht auf dem Bild "Salonu Istanbul/Observation Desk" oder die aus "armen" Materialen geformten Selbstmordattentäter im Dienste religiösen Wahns in "Tohuwabohu" speisen sich aus realem Schrecken und Staunen. Die genaue Beobachtung der als fremdartig empfundenen Wirklichkeit treibt den Gesamtkunstwerker um. Sie beginnt gleich vor der Haustür, im Multikulti-Kochtopf Kottbusser Tor.

Berlin Kreuzberg Biennale , verlängert bis 15. August. Infos: www.berlin-kreuzberg-biennale.org . Führungen: 0178-2942675. Die Forgotten Bar im Netz: www.galerieimregierungsviertel.org .