Konzertkritik

Lenz: 350 Jahre Musikgeschichte an einem Abend

Unheimlich, dieser Jakob Lenz. Verstörend und faszinierend. Das Solistenensemble Kaleidoskop und der junge Schauspieler Rafael Stachowiak liehen dem Sturm-und-Drang-Dramatiker im Radialsystem V Geist und Gesicht.

Fragmente aus Georg Büchners "Lenz"-Erzählung rieben sich an einer wilden musikalischen Collage. 350 Jahre deutsche Musikgeschichte, von Heinrich Schütz bis Wolfgang Rihm, spukten vielstimmig in Lenzens Kopf. Hinter ihm: ein klappriges Baugerüst, das die überdimensionalen Gehirnwindungen des Dichters darstellte.

Zu Beginn verstreuten sich darauf zwölf bleichgeschminkte und schwarzperückte Streicher. Sie ließen sich von Lenz dirigieren, trösteten ihn, verweigerten sich ihm, brüllten ihn an, tyrannisierten ihn. Aus scharf kontrastierenden musikalischen Momenten, Gesten und Geräuschen flocht das Solistenensemble Kaleidoskop eine Schlinge, die sich erbarmungslos um den Hals des Dichters legte. Rafael Stachowiak zog alle Register, um die Wahnvorstellungen des hochsensiblen Künstlers auch in ihrer zerstörerischen Schönheit zu erfassen.

Regisseur Alexander Charim steigerte den Dialog zwischen Mensch und Musik furios bis zur Implosion. Und übte unverhohlene Gesellschaftskritik. Peter Alexanders "Hier kommt ein Mensch" musste herhalten für die narkotisierende Wirkung der Unterhaltungsindustrie, die es zu allen Zeiten gegeben hat. Lenz' Künstlerseele entwich seinem Körper, Leere und Langeweile blieben zurück. Der Dichter verkrümelte sich als passiver Zuhörer auf einem zerschlissenen Sofa. Doch halt: Der Regisseur machte Mut. Die Musiker sammelten sich und stürzten Hals über Kopf in Beethovens monströse Fuge op. 135. Es gab sie also noch, die große Kunst, die über die Grenzen der Verständlichkeit hinausschießt - sie fand nur nicht mehr in Jakob Lenz' Kopf statt.