Ausstellung

Sein wunderbarer Wachs-Salon

Man müsse sein Leben so einrichten, dass jeder Augenblick bedeutsam sei, forderte der russische Schriftsteller Ivan S. Turgenjev. Eine verwegene und vor allem moderne Vorstellung, die zudem den richtigen sozialen Rahmen verlangt. Der Berliner Künstler H. N. Semjon hat einen Weg gefunden, keine Energie zu vergeuden: Er ist zugleich sein eigener Galerist.

Betritt man den "Kioskshop" in Mitte, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. An den schlammgrünen Wänden hängen Geschwader von weißen Kunstwerken: Bilder mit schleierähnlichen Überzügen in ebenso geweißten Rahmen, dazu afrikanische Masken in Weiß statt aus Ebenholz. Paula Modersohn-Becker lacht einen wie durch tausend zarte Schleier an, Vincent van Gogh schaut prüfend hinter seiner Palette hervor, und auf Ziertellern purzeln hinter wächsernem Überguss die rechteckigen Hieroglyphen des Kasimir Malewitsch.

Meisterschüler von Georg Baselitz

Es ist eine Welt der Zeichen - und eine Welt aus Wachs. Denn Semjon arbeitet schon seit den 90er Jahren statt mit Farbe mit gebleichtem Bienenwachs. Das schmilzt er und bepinselt damit Konsumverpackungen. "Produktskulpturen" nennt er die Werke, und wer sie sieht, muss schmunzeln: Lollis, Zahncremes, Zwiebacktüten, Cola-Flaschen, Bonbonnieren - alles ist wie in weiße Nebel getaucht, nur schemenhaft lugen die Schriftzüge darunter hervor.

Doch für die jetzige Ausstellung, "Konstruktion der Moderne" genannt, machte der einstige Meisterschüler von Georg Baselitz aus alter Kunst neue Kunst: Er fertigte Schwarzweiß-Kopien bekannter Gemälde der klassischen Moderne an, rahmte sie und schichtete hauchzartes Wachs drauf. Außerdem locken Skulpturen auf Sockeln im Art-Déco-Stil: eine weibliche Büste mit hoher Stirn und feenhafter Anmutung sowie eine kleine Figurengruppe, die den Charme Barlachs und Krämers vereint. Der Bildhauer Medardo Rosso stand hier Pate.

Sinn macht all dies erst durch die fiktive Figur des Sammlers Dr. Carl Theodor Gottlob Grouwet. Der soll, so will es sein Erfinder Semjon, zwischen 1904 und 1919 international aktuelle Kunst gekauft und dann in seiner Wohnung am Savignyplatz in Charlottenburg ausgestellt haben. Ein Pionier wäre er demnach in jeder Hinsicht gewesen. Als Sammler, der von Picasso bis Schmidt-Rottluff, von Rosso bis Georgia O'Keeffe einen so exzellenten wie mutigen Geschmack bewies, aber auch als Aussteller, der nach dem Ersten Weltkrieg seine Privaträume wegen der Kunst der Öffentlichkeit preisgab.

"Grouwet ist mein Idealtyp von Sammler", gesteht der 47-jährige Semjon, der mit bürgerlichem Namen Semjon Semjon heißt, sich als Künstler aber H. N. mit Vornamen nennt. Als Referenz an eine der Nonnen, die ihn aufzogen. Semjon kam nämlich nicht mit dem goldenen Löffel der Kunstgeschichte zur Welt. Sondern wuchs in zwei Heimen und zwei Pflegefamilien auf. Und bezog mit 18 Jahren, noch Schüler vor dem Abitur, die erste eigene Wohnung. Nach dem Abitur studierte er an der damaligen Hochschule der Künste, schloss 1994 mit der Meisterschüler-Prüfung bei Baselitz ab - und war als Jungkünstler, der in New York auf den Spuren von Jasper Johns wandelte, mit den "Produktskulpturen" begehrt. In New York, Chicago, Köln, Paris, Berlin wurde er von angesehenen Galeristen ausgestellt und gehandelt - und galt als sicherer Kandidat für die nächsten Jahrzehnte.

Doch der Markt ist unberechenbar. Und Semjon verlangte nach mehr Raum für seine Kunst, wollte seine gewachste Alltagswelt auch entsprechend präsentieren. Gegenüber der Galerie von Markus Richter, der ihn damals vertrat, war ein Laden frei - Semjon griff zu. "In New York waren die Mietpreise für eine Galerie unbezahlbar", erklärt er seine frühe Rückkehr nach Berlin. Und während Richter 2006 aufgab, residiert der "Kioskshop", der an "eine Mischung aus Kolonialwarenladen und Migrantenshop" erinnern soll, seit neun Jahren in der Schröderstraße in Mitte.

Die Künstler-Galerie hat aber auch ihre ganz eigene Atmosphäre, wie immer wieder verdutzt die Besucher feststellen. "Das ist wie eine Aura und wird von den Leuten verstanden und gefühlt", sagt Semjon: "Es gibt hier so etwas wie Erhabenheit." Tatsächlich bewegt man sich automatisch behutsamer und langsamer, wenn man zwischen all den geweißten Wachswerken wandelt.

Die Neuerfindung der Moderne

Zumal, wenn man den Geist von Grouwet zu erhaschen sucht. "Mein Theo" nennt Semjon ihn und hat eine fast familiäre Beziehung zu dem erfundenen Salonlöwen. Wie ein Schriftsteller formulierte er dessen Lebensweg bis ins Detail. Womöglich ist "Theo" aber auch ein Vaterersatz für Semjon. Ein Übervater? Ein "Übersammler" in jedem Fall: Als Sprössling eines Papierfabrikanten entwickelte die fiktive Figur der Belle Époque viel Fingerspitzengefühl für die moderne, auch verstörend moderne Kunst.

Leicht ist das Instandhalten des Kioskshops mit "Wachsküche" und dem zusätzlichen Schöneberger Atelier aber nicht, auch wenn es so aussieht. Semjon muss berufsfremd arbeiten, um seine Kunst und ihre Präsentation zu finanzieren. Dafür profitieren nicht nur die Besucher, sondern auch weitere Künstler von den Räumen, denn Semjon zeigt mehrfach im Jahr Ausstellungen befreundeter Kollegen. Eine so aufgeladene Atmosphäre wie bei der Neuerfindung der Moderne aus dem Geist des Sammlertums ist aber ein Highlight - nicht nur in Semjons Künstlerwelt, sondern in der Kunstszene überhaupt. Turgenjev wäre glücklich.

Kioskshop, Schröderstr. 1, Mitte, Do/ Fr 17-19 Uhr, Sa 14-19 Uhr sowie nach Vereinbarung. Bis 24. Juli. Tel. 784 12 91.