Sterbehilfe

Walter Jens: Bitte nicht totmachen

Ein Leben ohne intellektuellen Austausch war für Walter Jens unvorstellbar. Jetzt leidet der Vorkämpfer für die aktive Sterbehilfe an schwerer Demenz - und hängt an seinem Leben, wie seine Frau Inge Jens in einem Interview sagte.

"Sein Lebenswille bezieht sich nicht mehr auf sein geistiges Wirken. Er hat sich zu einem biologischen Leben in einem Maße verschoben, wie ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte", sagte die 82-Jährige.

Ihr 86 Jahre alter Mann kann durch die Krankheit nicht mehr lesen und kaum noch reden. "Ich weiß genau, und es steht Wort für Wort in unserer Patientenverfügung formuliert, dass mein Mann so, wie er jetzt leben muss - unfähig zu schreiben, zu sprechen, zu lesen, überhaupt noch zu verstehen - niemals hat leben wollen. Sein Zustand ist schrecklicher als jede Vorstellung, die er sich wahrscheinlich irgendwann einmal ausgemalt hat", sagte sie. Trotzdem sei sie sicher, dass er an seinem Leben hänge und nicht sterben wolle.

"Neulich hat er gesagt: ,Nicht totmachen, bitte nicht totmachen.' Ich bin mir nach vielen qualvollen Überlegungen absolut sicher, dass mich mein Mann jetzt nicht um Sterbenshilfe, sondern um Lebenshilfe bittet", sagte sie. Es gebe Momente in seinem Leben, die ihm Freude bereiteten. "Er isst mit allergrößtem Vergnügen. Wenn wir hier bei Tisch sitzen, dann fängt er oft schon an zu essen, wenn noch gar nichts auf seinem Teller ist. Das zeigt, dass er das gern tut. Das ist doch kein Todeswunsch, der sich da äußert."

Die Erfahrungen mit ihrem Mann hätten sie durchaus ins Zweifeln über die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen gebracht. Trotzdem rate sie jedem, seinen Willen für eine solche Situation aufzuschreiben, sagte die 82-Jährige, deren Autobiografie "Unvollständige Erinnerungen" dieser Tag im Rowohlt Verlag erschienen ist.

Sie wisse inzwischen zwar, dass sich dieser Wille - wie bei ihrem Mann - komplett umkehren könne. Die Angehörigen, die über den Abbruch von lebenserhaltenden Maßnahmen zu entscheiden hätten, könnten sich an der Patientenverfügung zumindest ein klares Bild von den Wünschen des Kranken machen. Sie selbst habe für sich zum Beispiel entscheiden, beim nächsten Asthmaanfall ihres Mannes nur noch qualmindernde, aber keine lebenserhaltenden Medikamente mehr zuzulassen. "Ich glaube, er wäre mit mir der Meinung, dass sein Leben insgesamt ein gnädiges, ein schönes, ein erfülltes und auch ein freudiges gewesen ist", so Inge Jens: "Und ich weiß, dass sein Tod für ihn eine Gnade sein wird."