Festival Rohkunstbau

Zehn Künstler auf Schloss Marquardt

Man nehme ein möglichst charmantes, leicht verfallenes Schloss an einem idyllisch gelegenen brandenburgischen See, ein knappes Dutzend internationaler Künstler und überlege sich ein kuratorisches Konzept, dass von der Belesenheit des Kurators, humanistischen Idealen und philosophischen Metadiskursen nur so strotzt.

Nach diesem bislang erfolgreichen Grundmuster findet nun zum 17. Mal das Ausstellungsprojekt Rohkunstbau statt. Wie schon 2009 gastiert das 1994 gegründete internationale Kunstfestival im weitgehend unrenovierten Schloss Marquardt.

Ausstellungsleiter Arvid Boellert und der britische Kurator Mark Gisbourne setzen mit der Schau unter dem bedeutungsschwangeren Titel "ATLANTIS II - Hidden Histories - Imagined Identities" eine bereits im letzten Jahr begonnene kuratorische Recherche fort, mit der sie dem Widerhall des Mythos von Atlantis in der aktuellen Kunstproduktion nachspüren.

Gisbournes profunde Auseinandersetzung mit dem Atlantis-Mythos und seine Bezugnahme auf Platons Kritian-Dialog setzt Kunst und Künstler einem enormen Druck aus, das Thema bloß nicht zu verfehlen. Eine Anstrengung, die sich allzu oft im Illustrativen verläuft. Da präsentiert die Berliner Künstlerin Johanna Smiatek in der Eingangshalle ein pavillonartiges, weißes Spiegelkabinett, in dem der Besucher zunächst mit seinem Spiegelbild allein ist. Nach und nach wird der Spiegel zur Scheibe und gibt den Blick auf eine antike asiatische Tempelanlage frei.

Relikte untergegangener Hochkulturen, Metaphern für Atlantis, das freie Spiel mit historischen Ablagerungen und deren künstlerischer Offenlegung bestimmen den Gesamteindruck dieser Kunstschau auf dem Lande. Die Italienerin Elisa Sighicelli hat eine versunkene Diamentensucherstadt in Namibia besucht und zeigt nun Fotografien vom Sand, der das Relikt aus deutsch-kolonialen Zeiten nach und nach verschluckt. Der ehemalige Brit-Art-Star Mat Collishaw präsentiert, eingearbeitet in einen barock verzierten Holzrahmen, eine Videoarbeit mit bläulich eingefärbten Unterwasseraufnahmen von Fischen und anderem Meeresgetier. Bei längerem Hinsehen tauchen ein Totenkopf und eine Sanduhr auf. Der Titel der Arbeit? "Vanitas" natürlich. Alles andere wäre wohl auch nicht zulässig gewesen.

Und wer sich in Stefan Roloffs kappellenartige Raum-im-Raum-Installation in der ehemaligen Schlossküche begibt, wird von etlichen parallel laufenden Projektionen in gotisch anmutenden Fensterchen umfangen. Der in New York und Berlin lebende Künstler hat Menschen aus allen Erdteilen interviewt und von ihren Zukunftsvisionen reden lassen. Im hier dargebotenen babylonischen Gebrabbel aber ist keiner mehr zu verstehen. Wesentlich mehr Spaß macht dann gleich nebenan die Arbeit des Berliner Videokünstlers Niklas Goldbach, in der es ebenfalls um die Unfähigkeit zu kommunizieren geht. Getreu dem Motto "gemeinsam einsam", hat sich Goldbach zusammen mit neun digitalen Klonen seiner selbst in eine Suite der Berliner Nobelherberge "The Mandala" eingemietet. Die uniform, in weiße Hemden und schwarze Hosen gekleideten Goldbach-Widergänger fühlen sich offenbar wohl im unterkühlten Hotelambiente. Sie geben sich kultiviert. Zu sagen aber haben sie sich nichts. Die zehn sagenhaften Könige von Atlantis mögen für diese Arbeit Pate gestanden haben. Ob Wilhelm Sasnals lakonisch-humorvolle Stillleben vor holzvertäfelten Wänden oder die unter die Haut gehende filmische Rekonstruktion der letzten Schritte Walter Benjamins in der Videoarbeit des israelischen Künstlers Ori Gersht: Gerade diejenigen Arbeiten, die sich dem Diktat der thematischen Akkuratesse widersetzen, machen auch diesen Rohkunstbau lohnenswert.

Der XVII. Rohkunstbau zeigt aber das Dilemma auf, in dem sich Ausstellungen dieser Art befinden: Irgendwann kehrt Routine ein und erstickt den Mut zu Innovation. Das thematisch überfrachtete Kunst-Unternehmen mutiert in diesem Jahr zur Großanstrengung. Doch vielleicht sollte man den Rohkunstbau einmal mehr zum Anlass nehmen, einfach einen netten Wochendausflug zu machen.

Rohkunstbau , Schloss Marquardt, Potsdam-Marquardt. Ab 9.7. bis 12.9.2010. Fr 14-19 Uhr. Sa/So 12-19 Uhr. Katalog: 20 Euro. Internet: www.rohkunstbau.de