Literatur

Durch den Tunnel in die Freiheit

Klare Feindbilder zu haben, erleichtert das Leben. Jeans und Blousons im Stil der US-Army tragen die acht jungen Männer auf dem gezeichneten Titelblatt des FDJ-Blatts "Forum" vom 30. August 1962 als West-Berliner "Halbstarke". Sechs von ihnen demonstrieren: Drei halten ein Plakat hoch mit den Worten "Willy, gib uns Waffen". Ein weiterer hält eine Keule in der Hand, zwei junge Männer stehen auf einem umgestürzten Auto. Ein siebter gräbt unter dem Pflaster, der achte studiert darüber vor einer weißen Mauer einen "Tunnelplan". Die Demonstration findet vor einem Gebäude mit der Aufschrift "Freie Universität" statt. Am Eingang weist ein Schild auf die "Girrmann-Gruppe" hin, die im ersten Stock zu finden ist. Durchs Fenster sieht man, wie ein älterer Mann primitive Bomben bastelt. Offenkundig ist er der Auftraggeber, ja Hintermann der jungen Leute auf der Straße.

In der dilettantisch ausgeführten Karikatur hat der Zeichner der Ost-Berliner Propagandazeitschrift gleich mehrere der größten Hassobjekte der SED jener Zeit vereinigt: die Tunnelgräber, die wochen- oder sogar monatelang enge Stollen gruben, um ihre Verwandten und Freundinnen in den freien Teil Berlins zu holen; die relativ wenigen Studenten, die ab dem 13. August 1961 mitunter gewalttätig gegen die Abriegelung der westlichen Teile Berlins protestierten; schließlich die Fluchthelfer, die verzweifelten Insassen des Großgefängnisses DDR zur Flucht in die Freiheit verhalfen.

"Unternehmen Reisebüro"

Die jedenfalls bis zum Sommer 1962 größte und erfolgreichste derartige Organisation arbeitete am Studentenwerk der Freien Universität in West-Berlin und wurde in der Bundesrepublik nach einem sehr frei fabulierten "Spiegel"-Artikel oft "Unternehmen Reisebüro" genannt. DDR-Zeitungen wie das "Neue Deutschland" dagegen nannten diese Fluchthelfer die "Girrmann-Bande", ebenso die Stasi in ihren vertraulichen Berichten. In Wirklichkeit war Detlef Girrmann jedoch keineswegs der Kopf dieser Gruppe. Dem Schriftsteller Uwe Johnson antwortete der Fluchthelfer Silvester 1963 auf die Frage: "Waren Sie da schon Chef des Unternehmens?" geradezu empört: "Das gab's ja nie! Das ist ja eine These des Ostens. Es war immer so, dass wir uns gegenseitig abgestimmt haben."

Johnson, damals bereits mit dem Fontane-Preis für den Erstlingsroman "Mutmaßungen über Jacob" geehrt, hatte einen höchstpersönlichen Grund für sein Interesse an den Fluchthelfern: Seine Verlobte Elisabeth Schmidt war 1962 selbst mit einem falschen Pass aus der DDR in die Bundesrepublik geschleust worden, auf einer "Tour" der Girrmann-Gruppe. So nannten die Fluchthelfer einen erprobten Weg, die Grenzsperren der SED-Diktatur zu unterlaufen. Johnson wollte sich bei den Helfern revanchieren, indem er öffentlich Partei für sie ergriff und die zunehmend erregte Propaganda aus Ost-Berlin konterkarierte.

Besonders die Motive für ihr auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges ständig lebensgefährliches Engagement interessierten Johnson. Darum drehten sich die langen Interviews vor allem, die Johnson mit den drei Organisatoren der Fluchthelfer-Gruppe um den Jahreswechsel 1963/64 führte. Doch bei seinem Verleger Siegfried Unseld blitzte Johnson mit der Idee ab, der Fluchthilfe ein Buch zu widmen. Der Schriftsteller verarbeitete seine Recherchen in der Erzählung "Eine Kneipe geht verloren" von 1965. Die Originaltonbänder galten als verschollen. In Wirklichkeit blieben zwei der drei Interviews erhalten, jene mit Girrmann und Thieme. Ihr Text erscheint, von den Gesprächspartnern des 1984 verstorbenen Johnson durchgesehen und erläutert, im Suhrkamp-Verlag.

Nichts anderes als politischer Widerstand war die altruistische Hilfe für Menschen, die den Ulbricht-Staat verlassen wollten, um in Freiheit leben zu können. Doch während 1961 bis 1964 die westdeutsche und internationale Öffentlichkeit das durchaus so sah, änderte sich das Bild der Fluchthelfer ab Herbst 1964 erheblich: Seither galten sie in Westdeutschland vielfach als anrüchig.

Viel deutet darauf hin, dass der radikale Umschwung der öffentlichen Meinung auf offene und verdeckte Propaganda der SED zurückzuführen ist. Einige westdeutsche Illustrierte fielen auf von der Stasi lancierte Falschinformationen herein und halfen, Fluchthelfer zu kriminalisieren. Zwar gab es beinahe von Anfang an tatsächlich schwarze Schafe in dieser "Branche". Doch die Fluchthelfer um Girrmann, Thieme und Köhler sowie der ebenfalls sehr erfolgreiche Harry Seidel waren über jeden Verdacht erhaben.

Stasi-Spitzel in der Gruppe

Sowohl Girrmann wie Thieme waren, nach Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus, in Ostdeutschland erwachsen geworden. Schon als junge Leute gerieten sie ab 1948 mit dem absoluten Machtanspruch der SED in Konflikt. Girrmann konnte rechtzeitig nach West-Berlin flüchten, doch Thieme wurde wegen des Verteilens regimekritischer Schriften zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Vom Mauerbau erfuhren beide späteren Fluchthelfer aus dem Hörfunk, und beide verbrachten fast den gesamten 13. August 1961 vor ihren Radio-Apparaten. Weder Girrmann noch Thieme waren Aktivisten, allerdings wussten sie, was zu tun war: Sie wollten den 350 Ost-Berlinern unter ihren Studenten die Möglichkeit geben, ihr Studium in Freiheit fortzusetzen. Girrmann und Thieme, bald auch Köhler, setzten auf Organisation: Sie versorgten Ost-Studenten durch Kuriere mit echten, ausgeliehenen West-Berliner Papieren, deren Inhaber den Flüchtlingen ähnlich sahen. Doch die SED schloss dieses Schlupfloch schnell; gestattete nur noch Westdeutschen und Ausländern die Einreise. Die Girrmann-Gruppe fand neue Wege. Sie nahmen eigene Fluchttunnel in Angriff. Doch beide Stollen, an der Kiefholzstraße zwischen Neukölln und Treptow und unter der Bernauer Straße, konnten nicht genutzt werden. Erst nach der Deutschen Einheit stellte sich heraus, warum: Gleich zwei Spitzel, die IMs "Hardy" und "Franz Fischer", hatten die Gruppe infiltriert.

Uwe Johnson : Ich wollte keine Frage ausgelassen haben. Gespräche mit Fluchthelfern. Suhrkamp, Berlin. 230 S., 23,50 Euro. Ab 12. Juli im Buchhandel.