Musik

Das Geschäft mit der Unsterblichkeit

Schrei, wenn du kannst, heißt es, und Michael Jackson hat beizeiten geschrieen, auch wenn das im Nachhinein unglaubwürdig erscheint. Im Video zu "Scream" greift sich der Sänger an die Ohren, windet den Kopf und gibt schrille Schmerzens-Urlaute von sich.

Das Lied von 1995 ist eine Anklage an die Boulevardpresse, die ihn wegen Kindesmissbrauchs verfolgt. Nöte und Sorgen stehen im Raum. Jackson barmt im Exzess. Und Schwester Janet Jackson assistiert.

Die Schreie verhallten damals weitgehend ungehört, wiewohl vom seinerzeit stark kritisierten Album "HIStory" doch 18 Millionen Stück verkauft wurden. Es gibt aber über das "Scream"-Video noch mehr zu erzählen. Jackson hat für die Verarbeitung viel Geld ausgeben, es ist mit sieben Millionen Dollar Kosten das immer noch teuerste Video überhaupt. Nach 50 Sekunden zertrümmert Michael Jackson eine Flying-V-Gitarre, später hält er die Brocken in die Kamera und tanzt um eine Phalanx aus Gitarren herum. Bei den Dreharbeiten gingen die meisten der 22 bestellten Gitarren zu Bruch, die heil gebliebenen Exemplare signierte der Star. Auch wenn die Gitarre nicht gerade das essenzielle Jackson-Instrument ist: Aura verpflichtet. Deshalb wird eine davon seit diesem Mittwoch zu wohltätigen Zwecken versteigert, Jacksons Ex-Manager hat das gute Stück der Stiftung United Charity in Baden-Baden zur Verfügung gestellt. Man erhofft sich fernab des erwarteten Jackson-Trubels ein paar tausend Euro. Was immer der Sänger im Leben getan hat, es ist viel Geld im Spiel.

Die Erinnerung ist milder geworden

An diesem Freitag jährt sich Jacksons Todestag. Die Nachricht kam vor einem Jahr um Mitternacht in Deutschland an, und für die folgenden Tage herrschte schon so etwas wie ein weltweiter Ausnahmezustand. Wirklich jeder, der ein paar seiner Lieder gehört, geliebt, verehrt oder auch bloß anerkannt hat, war vom Tode überrascht und schockiert. Im Ableben stand Michael Jackson wieder auf, und es ist nicht zu kitschig zu sagen, dass die Erinnerung seitdem milder geworden ist und federwölkchenumhüllt. Skandale, Prozesse? Verschwendungssucht, groteske Selbstzerstörung im Reichtum? Nein, über Tote nur Gutes. Jacko lebt.

Rund eine Milliarde Dollar sind im Namen Michael Jacksons seit seinem Tod umgesetzt worden, rechnet das Magazin "Billboard" vor, davon entfallen 383 Millionen Dollar auf Musik-Verkäufe, 400 Millionen auf den Film "This Is It" mit Probeaufnahmen zu den geplanten Konzerten in London. Allein durch nicht zurückgegebene Tickets für diese Auftritte kamen 6,5 Millionen Dollar zusammen; die Fans behielten sie offenbar als Andenken. Auch die Vermögensverwalter sind in guter Stimmung. Die Schulden des Stars in Höhe von mehr als 400 Millionen Dollar sind nach US-Medienberichten fast komplett abgebaut. Mit einem Verkauf von 8,3 Millionen Alben allein in den USA hat Jackson im Jahr nach seinem Tod mehr Platten als irgendein anderer Musiker verkauft.

Sony Music will in den nächsten sieben Jahren insgesamt zehn Alben veröffentlichen, zum Teil mit nie gehörtem Material. Der Cirque du Soleil arbeitet an einer Jacko-Show in Las Vegas. Die Verwertungsmaschinerie läuft, im letzten Jahr stand Jackson auf der Forbes-Liste der bestverdienenden Toten auf Platz drei. Nach seinem Tod ist gesagt worden, dass das Zeitalter des Pop nun zu Ende ist, weil es die Sehnsucht nach dem alles vereinenden Sängerkönig nicht mehr gibt. Im Tod aber ist Jackson unbesiegt, so wie Elvis und John Lennon. Unbelastet von Anfeindungen ist sein Bild reiner denn je, man braucht kein Prophet sein, um zu sagen: Dieses mythisch verklärte Bild wird weiter wachsen. Und die Musik behält ihre Kraft. "Don't Stop 'til You Get Enough", diese unfassbar großartige Hymne von 1979, gilt auch für den Sänger. Nicht aufhören. Weitermachen. Immer weiter.

Seine "Milch" hatte der Sänger das starke Narkosemittel Propofol genannt, das ihn am Ende umbrachte, und er hatte immerfort danach verlangt. Sein Leibarzt, im Frühjahr 2009 verpflichtet, ist inzwischen wegen verletzter Sorgfaltspflicht und fahrlässiger Tötung angeklagt. Es wird Monate bis zum Prozess dauern, vielleicht noch länger. "Vorprozessuale Termine" mit Conrad Murray (57) gab es, der nächste soll Ende August stattfinden. Hinterher, in weiter Ferne, könnten Zivilklagen der Familie gegen den Arzt folgen.

Doktor Murray, ein Kardiologe, hatte in der Nacht zum 25. Juni 2009 außer Propofol auch Valium, Mittel gegen Angstzustände und weitere Beruhigungsmittel verabreicht.

Ein Schrei nach Hilfe

Es ist wohlfeil, die Schuld ganz auf den Arzt zu schieben. Jackson litt an Schlafstörungen und war stark abhängig. Der im Februar veröffentlichte Obduktionsbericht zählte 13 Infusionswunden an Armen und Beinen des 50-Jährigen auf, zehn Narben von Schönheitsoperationen. Dazu Tätowierungen, die Augenbrauen und Lippen ersetzten und betonen sollten. Jackson hatte kaum mehr eigenes Haar, er war untergewichtig, ausgezehrt, litt unter einer chronisch entzündeten Lunge. Jacksons Körper: ein Schrei nach Hilfe.

Die Familie des toten Stars spricht weiterhin davon, der Sohn sei umgebracht worden, und befeuert zahlreiche Verschwörungstheorien. Der alles in allem sinistre Vater Joe Jackson (81) will den Konzertveranstalter AEG zum Jahrestag verklagen, weil Michael Jackson, wiewohl krank, zu den Proben für die Comeback-Auftritte genötigt worden sei, mit dem Arzt als willigem Helfer.

Ansonsten hält sich die Familie bedeckt, sie will am Freitag nicht in Los Angeles sein, wenn der erwartete Gedenkrummel der Fans stattfindet. Wahrscheinlich bleiben die Eltern, Brüder, Schwestern, Kinder in Michaels Geburtstadt Gary, Indiana. Über die jetzt 13, 12 und acht Jahre alten Kinder ist kaum etwas bekannt. Die 80 Jahre alte Mutter des Clans, Kathrine Jackson, der das Sorgerecht zuerkannt wurde, gab bekannt, sie würden von Herbst an eine Privatschule besuchen.

Zur letzten Ruhestätte auf dem Prominenten-Friedhof in Los Angeles haben nur Angehörige und geladene Gäste Zutritt. Es ist unklar, ob der Forest Lawn Memorial Park in Glendale morgen seine Pforten vielleicht ein wenig öffnet. Die Polizei stellt in Aussicht, Verehrer könnten Jacksons Mausoleum vielleicht übers Wochenende "aus der Ferne sehen", was immer das heißt. Mutter Katherine Jackson hat unterdessen erklärt, sie hoffe, dass die Welt ihren Sohn als "Thriller"-Sänger in Erinnerung behalten wird, was auch bedeutet: nicht als Gespenst seiner selbst.

Sicher aber ist, dass es sehr viele Trauernde geben wird, überall auf der Welt, nicht bloß in Los Angeles, Trauernde, die noch einmal die Bilder des jungen, schönen Musikers hochhalten, seine Songs spielen und seine Tanzschritte vorführen. Manche werden auch einfach schreien.