Georg-Kolbe-Museum

Schöne Menschen in Marmor

Es gibt Künstler, die in ihrer Kunst das höchste Glück finden. Und es gibt solche, die ihr Leben lang auf der Suche danach sind. Ein ewig Suchender war Georg Kolbe (1877-1947), dessen Nachlass zwei Jahre nach seinem Tod in eine Stiftung und noch ein Jahr später in ein Museum ihm zu Ehren floss.

Tief im Berliner Westend locken seither ein mit Atelierfenstern ausgebautes Wohnhaus nebst Skulpturengarten zur Erholung vom innerstädtischen Kunst-Trubel. Jetzt wird das Georg-Kolbe-Museum schon 60 Jahre alt und hätte eigentlich eine grundlegende Renovierung nötig. Stattdessen feiert Ausstellungsleiter Marc Wellmann ein Kolbe-Revival. Er zeigt historische Statuen mit figurativen Arbeiten zeitgenössischer Künstler, langweilig allerdings geriet der Titel der Schau: "1910 FIGUR 2010".

Sie bebildert einen Status quo der gemischten Gefühle. So pflegt Pia Stadtbäumer ihr rückschrittliches Frauenbild: Keck bietet sich ihre Lolita namens Inga auf Baumhausbrettern feil. Ein Sexobjekt mit zu viel Make-up im Gesicht! Immerhin hat sie noch eins. Denn Iris Kettner, Jahrgang 1968, stellt Mutter und Kind anonymisiert dar: Beide haben Lumpen anstelle des Kopfes.

Da passt der Kaiserreich-Kitsch von Fritz Klimsch: schlicht und gar nicht edel steht eine gewöhnliche Halbnackte aus Marmor da und trägt den hehren Titel "Meditation". Da hatte Georg Kolbe trotz seiner Mitläufer-Position im Dritten Reich künstlerisch viel mehr Klasse! Von ihm ist die "Malaiin" von 1916 zu sehen. Welche Eleganz doch eine junge Nackte haben kann! Und welche Ruhe sie ausstrahlt, während sie mit geschlossenen Augen nur da steht, als Bild der Reinheit und des inneren Gleichgewichts.

Robert Metzkes "Stehende im kurzen Rock" von 2005 hält da aber fast mit. Sie könnte eine Ausstellungsbesucherin sein, die Arme nachdenklich überm Busen verschränkt. Gleich wird sie mit der Achsel zucken, weil sie unschlüssig ist über den Sinn der Figurengruppierung.

Die Aufstellung der Figuren ist nämlich denkbar missglückt. Disharmonie zerstört alle Möglichkeiten, die Werke korrespondieren zu lassen. Die "Zwillinge" von Simon Schubert, die an die missbrauchten Kinder der Chapman-Brüder erinnern, stehen gar im grellen Sonnenlicht, wo ihre gelbkarierten Kleidchen vermutlich bald ausbleichen. Die Grausamkeit des Werkes wird dabei geschwächt: Die Mädchen haben weder Füße noch Gesichter, sie bestehen nur aus Rückseiten, denn ihre Über-Eltern nahmen ihnen das Recht auf Identität. Dafür dreht Mathilde ter Heijne voll auf. Die Holländerin goss sich selbst als negroide Stammesmutter in Bronze, schmückte die Figur mit Afro-Haar und zog ihr chinesische Trachten an. Dazu erschallt ein Volkslied der Mosuo, einer matriarchalischen Minderheit in Südchina. Man kennt dort keine Ehe, sondern die Frauen wählen ihre Partner jeweils neu und ziehen die Kinder in Gruppen groß. Was für Frauenwünsche!

Von Freiheit träumt auch die Figur von Markus Leitsch. Er goss den eigenen Körper auf der Seite liegend ab - und überzog ihn sowie die Unterlage mit Kuhfell. "Coat", Mantel, heißt die Installation, die es verdient hätte, das Entree zu besiedeln und den Besucher auf den Kunstmix einzustimmen. Der "Boxer" von Ubbo Enninga geht in der Ecke fast unter. Es ist ein vereinsamter Heroe mit makelloser Haut, den die Werbeindustrie gern für den Verkauf gesundheitsschädlicher Schokoladensnacks anheuern würde. Aber man umrunde ihn, dann erkennt man seine Tragik!

Georg-Kolbe-Museum , Sensburger Allee 25, Westend. Di-So 10-18 Uhr. Bis 5. Sept. Tel. 304 2 44.