Veranstaltungsort

Wie die Waldbühne zur Arena der Weltstars wurde

Würzig und schwer ist der Geruch der Hasch-Wolke, die über der Waldbühne hängt. Was die Sinne an diesem Sommerabend des 20. Juni 1980 berauscht, ist jedoch etwas anderes. Es ist dieser Ort. Dieser tiefe, grüne Trichter, gefüllt mit 18 000 singenden, tanzenden Menschen.

"Get up, stand up!" Nicht nur jene, die bei kaum 15 Grad kalte Füße haben, folgen der Aufforderung von Reggae-König Bob Marley. Der schmale Mann mit den Rasta-Locken sorgt gleich zu Beginn für Hochstimmung. Auch bei jenen, die nicht high sind - und zu denen Peter Schwenkow gehört.

Der junge Konzertveranstalter hat in jenen Stunden sein Schlüsselerlebnis. Während die jamaikanischen Background-Sängerinnen die Hüften wiegen, spürt er die "positive Vibration", von der Bob Marley singt, nicht nur auf rhythmische Art und Weise. Dieser Ort hat seine eigenen Schwingungen, hat einen Zauber, den er gerne noch oft erleben würde. Doch das ist nicht vorgesehen. Anderthalb Jahrzehnte lang hatte die Waldbühne im Dornröschenschlaf gelegen, das Reggae-Konzert, von Konzertveranstalter und Kant-Kino-Chef Conny Konzack veranstaltet, soll ein einmaliges Ereignis bleiben - viel zu hoch scheinen dem Senat die Unterhaltskosten.

"Bisher kannte ich nur Konzerte auf freiem Feld. Aber dies war eine andere Dimension", erzählt Schwenkow, inzwischen 56, in seinem Büro der Deutschen Entertainment AG (DEAG) am Schöneberger Ufer. "Noch während des Auftritts von Bob Marley fasste ich einen Entschluss: Diese einzigartige Arena wollte ich wieder mit Leben erfüllen."

Zerstört beim Stones-Konzert

Es war die Nacht vom 15. auf den 16. September 1965 gewesen, als die Waldbühne - zerschunden und zertrampelt - ins Koma fiel. Bei einem Konzert der Rolling Stones wurde das Freilicht-Theater von einer entfesselten Menschenmenge komplett zerstört. Der Publizist Matthias Walden war damals Zeuge und schrieb: "Wer sich einem musikalischen Ereignis zu nähern glaubte, wurde durch ein Polizeiaufgebot vor den Eingängen korrigiert, das nach Umfang und Arrangement nur dem Empfang einer Gangsterarmee dienen konnte. Es kamen jedoch Kinder zwischen zwölf und 20 Jahren, die meisten gruppen- oder pärchenweise in Jeans, Pullovern und teils sogar in biederen Mäntelchen. Eine Minderheit erschien in abenteuerlichen Verkleidungen, vom Kunstlederwams bis zu fransenbesetzten Hosen, über den Fesseln aufspringend zu einem 60er Schlag."

Schon zu Beginn beobachtete er eine "brodelnde Ungeduld". Als die Vorgruppe spielte und "Woolly Bully" erklang, flog eine Glühbirne dicht an Waldens Kopf vorbei. "Auf den überhohen Laternen der steilen Riesenarena hockten nun Menschen wie exaltierte Affen und versetzten die ächzenden Masten in Schwingungen, bis die runden Blechdächer der Lampen von den Streben knickten, das Glas klirrend barst und die besessenen Jockeys brüllend von den Kandelabern brachen, um zehn Meter tief auf Köpfe und Rücken ihrer Kumpane zu stürzen."

Angelika Beyer (58) aus Steglitz erlebte "dieses erschreckende Gefühl von Zerstörung" als 13-Jährige. Genau erinnert sie sich daran, wie immer wieder Schuhe an ihrem Kopf vorbei Richtung Bühne flogen und sie sich ständig ducken musste. Und wie zwischen Bäumen und Büschen und in den finsteren Treppenwinkeln rund um die Waldbühne Polizisten mit hechelnden Hunden streiften. "Unaufhörlich explodierten Feuerwerkskörper in den Sitzreihen. Es war beängstigend."

Endlich sprangen die Stones durch Lorbeergebinde auf die Bühne, flohen aber gleich wieder in den Schutz des dahinterliegenden Bunkers. Ein Stoßtrupp hatte sich aus der tobenden Menge gelöst und die Bühne gestürmt, die jedoch von Polizisten mit Knüppeln schnell freigeschlagen wurde. Die Band kam wieder, tapfer griffen die Musiker in die Saiten ihrer Gitarren. "I Can't Get No Satisfaction!" Der erste Song. Mick Jagger hatte sich gerade die Jacke vom Leib gerissen, um sie über dem Kopf zu schwingen, als sich ein Schatten aus dem Bühnenhintergrund löste. Von hinten sprang jemand den Sänger an, hockte sekundenlang auf dessen Schultern, "wurde abgeworfen wie ein Cowboy im Rodeo vom Nacken des Jungstiers" (Walden). Im Sturz riss er Jaggers Jacke mit sich und "landete mit seiner Beute im Hexenkessel der Publikumsmanege".

Nach grausam kurzen zehn Minuten war die Show endgültig aus, die Stones brachen ab, räumten das Feld. "Licht aus, Scheinwerfer aus!" hallte es aus einem Megaphon der Polizei. Darauf folgte ein gellender Schrei der Menge und fast gleichzeitig das Geräusch splitternden Holzes: In der stockfinsteren Waldbühne wurden die Sitzbänke zertrampelt. Die Trümmer, zu Wurfgeschossen umfunktioniert, flogen den Polizisten um die Ohren. Mehrmals versuchten sie, die aufgewühlten Fans zu Tausenden die 88 Stufen des Trichters hinauf zu treiben, mehrmals wurden sie zurückgeschlagen. Immer wieder ertönte der Ruf nach Sanitätern. Angelika Beyer: "Zum Glück entkam ich dem Chaos mit meinem Vater durch einen Seitenausgang links von der Bühne." Einige Sitzreihen standen in Flammen, und während oben an der Straße die Sirenen der Krankenwagen heulten, gelang es der Polizei, das Trümmerfeld zu räumen. Vier Stunden hatten die Kämpfe gedauert.

Vier Jahre später wurde die Waldbühne, bei deren Verwüstung ein Schaden von 400 000 Mark entstanden war, zwar instandgesetzt. Genutzt aber wurde sie kaum noch. Die Veranstalter gingen lieber auf Nummer sicher und setzten auf witterungsunabhängige Hallen. Bis zu jenem legendären Auftritt Bob Marleys. Schwenkow verlor keine Zeit. Er traf sich mit dem Senatsbeauftragten Peter Schließer und erzählte von seinem Plan, in der Waldbühne regelmäßig Konzerte zu veranstalten. Doch der heute 71-Jährige, 26 Jahre lang Verwaltungschef des Olympia-Geländes, prophezeite Schwenkow mit mildem Spott: "Schade nur, dass ihr schon nach der ersten Saison pleite gehen werdet!" Doch Schwenkows Enthusiasmus war nicht so leicht zu erschüttern. Seine Firma Concert Concept bekam ihre Chance.

Mit Queen kam der Durchbruch

Er mietete 1981 sein Traum-Theater - und fiel erst mal gewaltig auf die Nase. Nur 8000 Besucher wollten Frank Zappa und Peter Gabriel hören. Doch der Mann, der noch wenige Jahre zuvor als Plakatkleber und Kartenverkäufer gejobbt hatte, gab nicht auf. Ein Jahr später der Durchbruch: der Auftritt von Queen Mitte Mai 1982 unter dem neuen, zweispitzigen Zeltdach, das den Münchner Olympia-Bauten nachempfunden war. Raketen stiegen in den nachtschwarzen Himmel, eine bombastische Lightshow sorgte für Effekte, wie sie die Waldbühne noch nicht erlebt hatte. Freddy Mercury sang im weißen Lederanzug die Hymne "We Are The Champions", während - wie bei den Rolling Stones 1965 - Silvesterböller detonierten. Diesmal allerdings kontrolliert vor der Bühne.

Nur zwei Wochen später kehrten die Stones an den Ort ihres Waterloo zurück. Nach 17 Jahren wollten sie wieder in der Waldbühne spielen. Manfred Uhlitz, seit 31 Jahren Pächter des benachbarten Glockenturms am Olympiastadion, fallen da als erstes die extrem weitläufigen Polizeiabsperrungen ein. "An meinen Verkaufskiosk kam niemand mehr heran, auf meinem Eis und Bier blieb ich sitzen. Später erfuhr ich, dass Schwenkow der Polizei erzählt hatte, er habe den Glockenturm gekauft! Aus Sorge vor Krawallen wollte er vor den Waldbühnen-Eingängen soviel Sicherheitsabstand wie möglich. Als die Beamten zögerten, seine Forderung zu erfüllen, kam er auf diesen Trick." Heute kann Uhlitz darüber lachen, damals war er wütend. Sein Vater, ein Rechtsanwalt, schickte der Polizei einen scharfen Brief. Man hätte ja wenigstens seinen Sohn fragen können, ob das wahr sei.

Eine Geschichte, die Schwenkow dementiert: "Nee, das stimmt nicht." Tatsächlich waren Polizei und Veranstalter vor dem Stones-Konzert recht nervös. Doch die Fans waren älter und ruhiger geworden. Akademiker und Beamte um die 40 tanzten oder saßen einträchtig neben Punks und Rockern. So verzeichnete das Rote Kreuz nur 80 kleinere Einsätze, nur ein Fan musste ins Krankenhaus - die Hitze. Und der übermütige Besucher, der plötzlich auf einem der hohen Laternenmasten hockte, wollte nur besser sehen.

Wie gewohnt verfolgte der damalige Kunstgeschichtsstudent Uhlitz, der aus Spaß am lukrativen Job "im Glockenturm hängen blieb", auch das Stones-Spektakel aus 77 Meter Höhe. Wie ein Puppentheater wirkt Europas wohl schönste Freilicht-Arena von oben. Nur bei sehr schlechtem Wetter hält er sich lieber unten in der Eingangshalle auf. So ging auch Sprühregen nieder, als das Schleswig-Holstein-Musikfestival-Orchester im Juli 1989 mit seinem Dirigenten Leonard Bernstein zum Classic-Open-Air bat. Schwenkow: "Damals passierte das Coolste und zugleich Bewegendste, was ich in all meinen Waldbühnen-Jahren je erlebte." Das Publikum war ungeduldig geworden, weil die Bühne umgebaut werden musste. Die kostbaren Instrumente, mit weißen Bettlaken verhüllt, wurden nach hinten verlagert, um sie vor dem Nieselregen zu schützen, den der Wind ausgerechnet unter das Zelt-Dach trieb. So verzögerte sich der Beginn des Konzerts, was mit Pfiffen quittiert wurde.

Leonard Bernsteins Alleingang

"What about this noise?" fragte der Amerikaner in der Garderobe seinen Veranstalter. Schwenkow erklärte ihm, die Besucher seien ungehalten wegen der Verspätung. Darauf wurde Bernsteins Blick noch finsterer. Er empfand die Unmutsäußerungen als Affront gegen seine jungen Musiker. Wortlos warf sich der Weltstar seinen hellen Trenchcoat über die Schultern und ging auf die Bühne. "Lenny würdigte das Publikum keines Blickes und setzte sich an den Flügel, eine Zigarette lässig im Mundwinkel", erinnert sich Schwenkow. Zischend forderte man Ruhe im Zuschauer-Rund. Und dann improvisierte Bernstein Gershwin - während der gesamten etwa 20-minütigen Umbaupause, "so, als spiele er nur für sich alleine und nicht vor 18 000 Menschen". Als alle Instrumente an ihrem regensicheren Platz waren, stand er auf, ignorierte wiederum das ebenso faszinierte wie verblüffte Publikum, klappte den Deckel des Flügels zu und ging von der Bühne, um sein Orchester zu holen. Die längst erloschene Zigarette noch immer im Mundwinkel.

Es ist ein Phänomen: Waldbühnen-Konzerte, die regelrecht ins Wasser fielen, gab es bisher nicht. Seit Schwenkow 1981 den Berlinern ihre Freilicht-Arena zurückgab, nimmt man Wetter-Widrigkeiten mit Gelassenheit hin - kurze Schauer ebenso wie Wind und Wolkenbrüche. Blut und Wasser schwitzte Schwenkow im Juli 2006 bei der ZDF-Live-Übertragung eines Konzerts mit Anna Netrebko, Rolando Villazón und Plácido Domingo. In einem kleinen, 40 Grad heißen Raum hinter der Bühne schickte er Stoßgebete zum Himmel, an dem sich immer mehr bedrohlich schwarze Wolken zusammenballten. "Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Südamerika saßen die Menschen vor den Fernsehern, insgesamt 80 Millionen. Und dann brach fünf Minuten nach Übertragungs-Beginn ein gigantisches Unwetter los, das eine Viertelstunde dauerte. Nach einer Unterbrechung ging es weiter." Es blieb trocken - erst nach dem Konzert goss es wieder. Glück gehabt.

Ob Klassik, Pop oder der beliebte Kinosommer mit "Blues Brothers" und "Rocky Horror Picture Show" - die Berliner strömten in ihre Waldbühne, pro Saison durchschnittlich eine halbe Million. Ein Highlight besonderer Art ist seit 1984 der jährliche Auftritt der Berliner Philharmoniker, die auch am kommenden Sonntag spielen werden. Was Schwenkow versagt blieb, war ein weiteres Konzert von Bob Marley. Der Mann aus Kingston war bei seinem Auftritt, der die Waldbühne wieder belebte, bereits todkrank. Ein knappes Jahr später starb er 36jährig an Krebs.

Neuer Pächter seit 2008

Im September 2008 verlor Schwenkow die Waldbühne an den größten deutschen Ticket-Vermarkter CTS Eventim. Der hatte bei einer Ausschreibung des Senats auf die geforderte Pacht von 750 000 Euro im Jahr noch etwas draufgelegt. Die Innenverwaltung griff zu. Schließlich sei die Saison 2007 unter Schwenkows Regie recht schwach gewesen, lautete die Begründung. Schwenkow sieht sein ehemaliges Open-Air-Theater auf Talfahrt. "Im vergangenen Jahr ging es mit einer Handvoll langweiliger Konzerte spürbar bergab, immer weniger Besucher kamen. Dagegen gab es 18 Veranstaltungen in der Wuhlheide." Rainer Appel, Vize-Präsident von Eventim CTS, ist dagegen optimistisch: "2009 war ein Übergangsjahr, diese Saison läuft schon sehr gut. Kürzlich trat Pink in der Waldbühne auf, am 5. Juli kommt Prince, am 18. August Leonard Cohen. Sieben weitere Konzerte sind geplant." Doch der Wettkampf zwischen Wuhlheide und Waldbühne geht weiter.

Dass es im Murellental früher auch sportliche Wettkämpfe gab, weiß heute kaum noch jemand. Zwar fand in der 1936 von Werner March als Teil des Olympia-Geländes gebauten Waldbühne das kulturelle Rahmenprogramm der Nazi-Spiele statt. Genutzt wurde sie aber auch für die Wettkämpfe im Geräteturnen. Und nach dem Krieg flogen hier bis 1960 die Fäuste. Am 31. Oktober 1948 stieg Max Schmeling zum letzten Mal in den Box-Ring. Damals verlor Schmeling gegen Vogt. Den Berlinern von heute wäre wohl zum Weinen zumute, wenn die Waldbühne den Kampf gegen die Wuhlheide verlieren würde.